Laufen

Burg Vlotho: von Raubrittern und untoten Burgfräulein

Der zweite Feiertags-Heimatlauf stand an – 12 angenehme Kilometer waren für heute geplant, die meisten davon wollte ich heute im Wald genießen, draußen in der Sonne. Mutig wie ich bin, entschied ich mich heute dann für ein ganz besonderes Abenteuer: eine schöne Strecke hoch durch den dunklen Geisterwald, bis zur verfallenen Ruine der alten Burg Vlotho, über die schmalen und rutschigen  Pfade, die früher von blutrünstigen Rittern, klugen Händlern und großen Edelmännern beritten wurden. Ortsansässige aus meiner Heimatstadt wissen natürlich, dass es dort oben auf der alten Burg noch immer spukt – die Untoten der alten Zeit treiben dort ihr Unwesen, so dass ich zumindest erst bis zum Sonnenaufgang warten musste, bis es dann los ging…

Die Treppen zum Geisterwald führen über die schmale Apotheker-Gasse und den gleichnamigen Apotheker-Pfad hinter den schrägen Fachwerkhäusern der Altstadt hoch zum Wald: schon hier erzählt man sich, dass der alte Apotheker zu Lebzeiten ein sehr seltsamer Mann war, dessen vier Ehefrauen immer wieder auf äußerst mysteriöse Weise verschwanden. Das allerdings geschah schon in der jüngeren Zeit, ich glaube um 1760 etwa.

Auf diesem Foto sieht man noch die alten Treppen; wenn man ganz genau hinschaut, dann erkennt man auch noch die -angeblichen- Schleifspuren auf den Stufen. Diese sollen entstanden sein, als der Mann die Leichen seiner Frauen im Wald versteckte…

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Einige hundert Meter später laufe ich mit dem Hund über die flachen, aber doch stetig steigenden Pfade weiter hoch in Richtung der Burg – der Schlamm lässt mich immer wieder ausrutschen, hin und wieder muss ich mich an den dünnen, krüppeligen Bäumen festhalten, um nicht wieder zurückzufallen. Das dicht bewachsene Gebüsch hindert immer wieder den direkten Blick hoch zur Burg; mir fällt schon hier auf, dass der Wind unangenehm kalt wird, obwohl es eigentlich recht warm war am Morgen. Auch der Hund fühlt sich zusehends unwohl; immer wieder bleibt die kleine Dame unvermittelt stehen, ihre Sinne ausgerichtet auf irgendetwas, was ich nicht sehen kann. Nur mein Ziehen an der Leine bringt sie schließlich dazu, weiter zu laufen.

Nach einigen weiteren Kurven komme ich zum alten Geisterhaus – welches eben deshalb so genannt wird, weil man es nicht sehen kann. Schon mein Opa hatte mir als Kind die Geschichte erzählt: wir Menschen können nur den Eingang sehen, der Rest des Gebäudes liegt in einer anderen Welt, nur sichtbar für übernatürliche Wesen. Ich habe diese Geschichte als Kind durchaus geglaubt – und wer den Eingang der Tür sieht, weiß sofort, dass daran sicher auch einiges wahr sein muss…

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Nur wenig später erreiche ich endlich die ersten Mauern der Burg – der Wind pfeift inzwischen deutlich stärker, während sonst nur noch wenig Geräusche unten aus der Stadt zu hören sind. Ich komme an der nord-östlichen Mauer der Burg an, genau dort, wo noch die wenigen, alten Reste des „Gefängnisturmes“ sichtbar sind, dort soll bereits in den frühen, ersten Jahren der Burg der uneheliche Sohn des Besitzers festgehalten worden sein – angeblich über Jahre, bevor er schließlich in der engen Kammer jämmerlich erstickte. Ich für meinen Teil halte das ja für ein Märchen, biege links ab und laufe in Richtung des Parkplatzes weiter…

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Ich nähere mich also weiter der Nordseite, entlang der bewachsenen Mauer und durch das winterliche Laub des Waldes kämpfen der Hund und ich uns durch den Schlamm; wir wollen beide so schnell wie möglich weg von diesem Mauerteil. Man spürt wirklich mehr als deutlich die Beklemmung, die von diesem Ort ausgeht und es ist nun wirklich nicht nötig, hier im weiterhin kalten Wind auszuharren…

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Kurz bevor wir den großen Hauptplatz vor der Burg erreichen, kommen wir noch am uralten Kerker-Turm der Burg vorbei – in diesem wurden laut Historikern über die gesamte Nutzungsdauer hinweg immer wieder die Verbrecher des damals noch recht kleinen Ortes festgehalten; später auch gegnerische Spione (die Burg gehörte zum von Napoleon besetzten Teil der Länder), aber auch Hexen wurden hier überführt. Auf dem nächsten Bild seht Ihr diesen Kerker-Turm; in den ganz alten Chroniken der Stadt heißt es, dass die Gefangenen ihre Arme durch die kleinen Öffnungen streckten und schrien, wenn draußen die Händler vorbeizogen:

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Wir betreten den Hauptplatz vor der Burg – schon durch das alte Tor am Eingang sehe ich, dass wir völlig allein hier oben sind: das renovierte Restaurant ist geschlossen, der Parkplatz ist leer. Keine Touristen, keine Spaziergänger, niemand außer dem Hund und mir. Fest steht für mich schon jetzt: den Hund lasse ich nicht weg. Wir wissen alle hier, dass die alten Geschichten unserer Ur-Ur-Ur-Großeltern ganz sicher keine Märchen sind, und wir wissen auch, dass gerade Hunde durchaus in der Lage sind, mehr zu sehen, als wir selbst.

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Ich stelle also meine Laufuhr auf Pause und wir schleichen uns langsam über den Platz, bis wir schließlich an den alten Wohnräumen der Burgfräulein ankommen. Nur hier sind also noch ein paar Räume erhalten, wenn auch eher in der groben Form und auch nicht sonderlich hell erleuchtet: das Schlafzimmer des Burgfräuleins zu Vlotho erkennt man noch deutlich an dem hohen Fensterrahmen; laut Überlieferung soll hier die junge Mutter des eingekerkerten Jungens ihr Leben verbracht haben, bis dieser im Turm erstickte. Genau hier passiert es dann auch: deutlich höre ich trotz des scharfen Windes das Weinen eines Jungen; erst relativ leise und ungenau, später immer deutlicher – es hört sich nach einem Weinen an, wie es von einem Mensch kommen kann, der in einem großen Konzertsaal sitzt, es hallt ein wenig, aber es bleibt schwer zu orten…

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Der Hund und ich suchen zunächst in den alten Kellerräumen unter den Fürstenzimmern nach der Quelle des Weinens, dort unten, wo in den alten Zeiten noch die Schätze und das Gold der Burgbesitzer lagerten. Die Kellerräume sind allerdings leer – zumindest, so weit man schauen kann. Selbst der Hund weigert sich hartnäckig, ein paar Schritte weiter zu gehen; ich erkenne aber auch deutlich, dass das hallende Weinen eher von der Mitte des Burghofes zu kommen scheint…

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Wir nähern uns dem Ziel: dort, in dieser Mitte des Burgplatzes, findet sich die neu erbaute Konzerthalle – überdeckt von einer großen, wehenden Tuch-Decke in den Mustern typischer, zeitgenössischer Stoffe. Jetzt passiert es: in der Sekunde, in der ich den offenen Raum betrete, stoppt das Wehen der Tücher; von jetzt auf gleich höre ich den Wind nicht mehr, das Weinen des Kindes verschwindet urpötzlich, stattdessen höre ich die gleiche Stimme – nun aber lachend und kichernd! Hier wurde es auch für mich doch etwas mulmig – die Wolken schoben sich plötzlich vor die Sonne, mich fröstelte es, der Hund fing an zu Knurren, während er mich gleichzeitig aus dem Saal zu zerren versuchte… Was war hier los?

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Wir stürzen halsüberkopf aus dem Saal, als noch mehr Stimmengewirr dazu kommt; plötzlich höre ich nicht nur das Kichern des Kindes, ich höre auch merkwürdige Arbeitsgeräusche; das Rollen von Felsen oder Steinen, das Scheppern von Metall, das Kratzen von Rüstungen. Irgendwelche Männerstimmen rufen in der Ferne, ich erkenne die Worte „Nachladen! Schneller!“ und höre wie jemand nach „mehr Munition!“ brüllt, alles überdeckt vom scharfen Wind und dem Winseln meines ängstlichen Hundes.

Ich entscheide mich, dass es nun reicht – wir sollten dringend hier weg; schließlich kann das nur Einbildung sein. Es gibt keine Geister, erst recht keine solchen, die noch immer kämpfen; vor allem „Nachladen“ – wie absurd! Doch dann passiert noch etwas: direkt neben dem Eingang erkenne ich den großen Grundriss der alten Burg auf einer Tafel, darunter den Text:

„Die hier lagernden Steinkugeln wurden bei den Freilegungsarbeiten 1935 vorgefunden. Es handelt sich um Schleudersteine zur Verteidigung der Burg.“

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Punkt. Es reicht. Ohne lange zu grübeln nehmen der Hund und ich unsere Beine in die Hand; im schnellen Tempo entschließen wir uns zur sofortigen Flucht – einfach nur Weg von dieser alten Stätte, quer durch den Laub schlagen wir uns durch die Büsche; keine Pfade oder Wege, einfach über Stock und Stein, die Kälte im Nacken, die Geräusche, das Kichern, die Schreie – „Munition! Mehr Munition!“, dann wieder ein leises Weinen…

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Zehn Minuten später erreichen wir schließen den Fuß des Burg-Waldes, weiter unten in der Nähe der Weser-Wiesen. Ich lasse mich hinter einen Baum rutschen, hocke auf dem Moos, der Hund liegt unbeweglich und still neben mir; gemeinsam drehen wir uns um und schauen ein letztes Mal durch die Bäume in Richtung Burg – von dort nichts mehr zu hören, die Wolken öffnen sich, die Sonne scheint wieder auf uns.

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End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

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