Laufen

Neujahrslauf 2016 – Durch den Müll von Berlin

Für gewöhnlich zeige ich hier die schönen Bilder meiner Läufe – die meisten davon in oder um Berlin: im Plänterwald, in verschiedenen Volksparks, im Treptower Park, am Karpfenteich. Was ich aber eigentlich jedes Mal verheimliche: das sind die wirklich hübschen Eindrücke, die etwa 30 Prozent der Strecken ausmachen. Die übrigen 70% Berlins sind leider ziemlich das Gegenteil – und ich will heute mal zeigen, wie es hier sonst so aussieht und wie Berlin im Bezug auf Müll und Schrott so tickt.

Da am Samstag 15km und am heutigen Sonntag 35km auf dem Trainingsplan standen (beide bei 05:50 min/km) hatte ich also genug Gelegenheit, das ein oder andere Beispiel für Euch zu finden…

berlin_muell

Das Silvester-Spezial: Krieg im Kiez

Viele Freunde meinten ja in den letzten Tagen, ich würde zu Übertreibungen neigen, wenn ich so sehr gegen das Vor-Silvesterliche Geböller der Leute da draußen wettern würde. Ich befürchte aber, dass hier die Maßstäbe falsch gemessen werden: diese „Vorfreude“ auf den Jahreswechsel hat hier in Berlin, und erst recht hier in Neukölln anders als in kleineren Städten oder Orten wirklich GAR NICHTS mit irgendeiner Tradition zu tun – hier bedeutet das Böllern einfach nur die Chance auf maximale Zerstörung, für manche vielleicht sogar „Krieg“.

Auch diesen letzten Vergleich mögen mir manche immer noch als zu hoch gegriffen ankreiden, insbesondere wenn man bedenkt, was andernorts auf der Welt so los ist – allerdings denke ich, dass der Unterschied nicht allzu groß ist. In weiser Voraussicht haben wir ja am Silvestertag die Flucht ergriffen und sind erst Neujahr wieder in der Hauptstadt aufgetaucht, so dass ich bei meinen Wochenend-Läufen nun also die Reste dessen begutachten kann, die man zurück ließ. Die meisten dieser Spuren lassen eher darauf schließen, dass Putin seine nicht vorhandene Krim-Armee dann doch bis Berlin durchgewunken hat, jedenfalls sieht es hier nicht nach ein paar abgezündelten Knallteppichen aus, sondern eher nach Panzerabwehrwaffen, C4-Sprengstoff und/oder den Einschlägen von Katjuschka Raketenwerfern.

Sämtliche Überreste, Glasscherben, Nahrungsmittel (die Ratten am Landwehrkanal sind sichtlich begeistert!), Plastiktüten, Erbrochenes und sonstwie Ausgeschiedenes zieren nun chaotisch die komplette Strecke entlang des Maybach-Ufers, des Paul-Linke-Ufers, bis durch zum Karpfenteich am Plänterwald. Ganz ehrlich? Ich bin zu 100% für ein Verbot privater Feuerwerke, es reicht völlig aus, wenn die Städte ein großes, überwachtes und geschütztes Event anbieten, von mir aus kombiniert mit einer großen Party oder einem Straßenfest; aber der normale Durchschnittsdeutsche – und erst recht der Druchschnitts-Berliner – ist in der Evolution einfach nicht so weit, diese Form der Verantwortung allein zu tragen.

Silvester Müll Berlin 1

Silvester Müll Berlin 2

Müll in Berlin 5

Müllkippe Berlin: alles muss raus!

Das Grundproblem: hier in Berlin ist das Verhältnis von Lebensraum und Müllplatz empfindlich gestört. Es ist wirklich egal, wo und wann ich Laufen gehe: die Bordsteine sind gesäumt von Schrott, überquellenden Mülleimern, Hundescheiße und Lebensmittelresten.

Irgendwann muss es wohl mal ein guter Gedanke gewesen sein, um einander zu helfen: wenn Du etwas entsorgen willst, was noch funktioniert, dann klebst du einen Zettel dran, schreibst drauf „zum Mitnehmen“ und stellst es in den Hausflur oder an die Straße – nach 20 Minuten hat es ein kreativer Berliner Künstler in seine Atelier-Wohnung integriert. Dieses Prinzip hielt dann leider auch nur ziemlich kurz – denn heute heißt es dann wohl: scheiß drauf was es ist, in welchem Zustand es ist und ob es gegebenenfalls vielleicht sogar Sondermüll wäre: raus an die Straße, mitten drauf, am besten noch drüber pinkeln, damit es keiner anfasst.

So schwimmt heute bei meinem Dauerlauf also eine Zweier-Couch auf dem Kanal, ein Fernseher dekoriert den Weg entlang des Paul-Linke-Ufers zum Hundepark, in der Nähe des „Club der Visionäre“ hängt ein Lattenrost im Gebüsch (scheint noch nutzbar zu sein, is aber kein Zettel dran). Nebendran rottet ein Sack Altkleider unter der Brücke neben einer Matratze, während ich heute allerdings sehr überrascht bin, keine Computer feilgeboten zu bekommen – eventuell ist da grad hohe Nachfrage.

Regelmäßig fahren Müll-Boote den Kanal ab und holen jegliche Form von Altmetall aus dem Wasser – selbst Autos, Motorräder und endlose Mengen Fahrräder sind dabei.

Müll in Berlin 6

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Müll in Berlin 7

Müll in Berlin 8

Müll in Berlin 9

Berliner Attitüden: is‘ mir egal!

Nun haben wir ja alle den lustigen neuen BVG Spot mit dem Motto „Is mir egal“ gesehen und uns dabei ins Fäustchen gelacht. Dummerweise ist zu sagen: so ticken die Berliner wirklich, das ist eigentlich gar nicht so lustig.

Während sie es nämlich gleichzeitig scheiße finden, dass die ach so bösen Schwaben am Prenzlauer Berg manchmal sogar etwas Ordnung halten (was man als prüde, spießig und konservativ verkauft) oder aber sie ihre geballte Wut gegen steigende Mietpreise zum Ausdruck bringen (was hier und dazu führt, dass ganze Viertel plötzlich nicht mehr im Müll versinken), passt das Prinzip „Ordnung“ einfach nicht in ihr Weltbild.

Berliner wollen nachts leben, wollen kreativ sein und feiern, wollen gleichzeitig sentimental leidend in der Vergangenheit schwelgen, nachts bis zum nächsten Nachmittag einmal die komplette pharmazeutische Bandbreite an Spaßmachern durchspielen und dabei keinerlei Verantwortung für das Leben übernehmen; das hassen sie nämlich und das sollen gerne andere übernehmen. Sie selbst kotzen lieber meine Laufwege voll, fühlen sich dabei völlig unverstanden, in ihrer Freiheit von all den Zugezogenen behindert und stellen nebenbei dann noch im Dezember einen schimmeligen Sonnenschirm auf die Straße – mit dem Zettel dran „Geht noch, zu verschenken!“

Aber wisst Ihr was: „Is mir egal!“ 😉

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

2 Kommentare bei “Neujahrslauf 2016 – Durch den Müll von Berlin

  1. Glücklicherweise ist es bei uns am Land nicht gar so schlimm. Was mich persönlich aber immer wieder aufregt ist die Wegwerfwut der Fastfood-Fresser. Besonders MC-Donalds scheint ein besonders asoziales Publikum zu haben. Findet man im Umkreis der Filialen aus dem Fenster geworfene Tüten mit dem großen M, so wundert mich das nicht sooo sehr. Aber an irgendwelchen kleinen Ortverbindungsstraßen, teils 10 km vom nächsten Drivein ist mehr als ekelhaft.

  2. Hier auf dem Land sieht es zwar zum Glück nicht so schlimm aus wie bei dir, aber aus Ärger über die vielen Umweltschweine da draußen habe ich die Aktion #cleanyourtrails auf meinem Blog ins Leben gerufen. Mittlerweile beteiligen sich auch immer mehr genervte Läufer und Läuferinnen daraun und wir konnten schon eine Menge Müll entsorgen.

    http://trailrunnersdog.de/tag/cleanyourtrails

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