Laufen / Marathon

Mein Berlin Marathon 2015

Ich darf nicht jammern – mein Ergebnis war vorhersehbar. Ich bin inzwischen 8 Marathons gelaufen; bei nur einem davon habe ich fleißig auch Krafttraining dazu betrieben und eben dieser eine war dann auch bisher als einziger zufriedenstellend für mich. Da sich irgendwas in mir dagegen wehrt, endlich etwas da raus zu lernen, kam es auch gestern, wie es kommen musste: ich habe mein Ziel wieder deutlich verfehlt (aber immerhin ne neue Medaille eingesammelt!).

Nichtsdestotrotz: der gesamte Tag war für mich eher durchwachsen…

BerlinMarathon2015

Der Morgen

Selbstverständlich schlafe ich unruhig, ganz besonders aus der Angst heraus, ich könnte meinen Wecker nicht hören. Witzige Sache: tue ich auch nicht. Ich verschlafe um knappe 40 Minuten und beginne die letzten Vorbereitungen also direkt mit stillschweigender Unzufriedenheit. Weil mir damit Zeit fehlt, im passenden Abstand zum Lauf noch zu frühstücken, belasse ich es bei einer Banane und einem Kaffee; ich hab sowieso das Gefühl, dass der Magen etwas laut rumort, als ich so durch die Wohnung husche. Gottseidank hatte ich mich am Vorabend noch informiert: mir wurde empfohlen, spätestens um 7:30 Uhr im Startbereich zu stehen, so dass ich mich gegen 6:45 Uhr auf die (Lauf)-Socken mache.

Der Startbereich

Ich notiere an mich: verlass Dich nicht auf Empfehlungen aus sozialen Netzwerken. Als ich um 7:30 Uhr im Startblock „G“ stehe, ist dort außer mir – niemand. Ein paar Helfer bereiten Wasserbecher vor, ein paar Einweiser schlürfen ihren Kaffee, mir ist einfach nur kalt. Ich habe keine Ahnung, wie ich nun eineinhalb Stunden rumbringen soll, schlüre also einfach immer wieder den Startblock hoch und runter, meine Muskeln sind nach einer Stunde fast taub vor Kälte. Weil ich gegen Plastik bin, weigere ich mich, mir einen solchen Sack gegen die Kälte überzuziehen. Ich hocke mich auf eine Bordsteinkante und warte einfach weiter, irgendwann wird die Zeit schon rum sein.

Der Startmoment

Kurz vor dem Start ist es dann schließlich auch voll im Block, die Nähe der fremden Körper wärmt endlich, mein Magen grummelt weiter vor sich hin – das macht mir etwas Sorgen. Ich drängel mich direkt hinter den 4-Stunden-Pacemaker, fühle mich aber schon wieder unsicher, als ich höre, dass er das zum ersten Mal macht und sich selbst an den Zugläufern auf der anderen Seite orientieren will. Nun denn – denke ich – wird schon schiefgehen.

Die erste Hälfte

Meine Verunsicherung wächst. Um meine Ziel-Zeit von unter 4 Stunden zu erreichen, müsste ich durchgehend eine Pace von 5:38 bis 5:40 min/km laufen, der Zugläufer läuft laut meiner Uhr aber konstant 5:30. Erst später merke ich, dass das gar nicht stimmt: meine Uhr zeigt mir bei jedem Kilometer an, ich wäre schon 600 Meter weiter, aber da ich mir zu Beginn nur Pace und Puls anzeigen lasse, merke ich das nicht. Stattdessen grübel ich konstant rum, ob das für mich alles so klug ist mit diesem Pacemaker, mache aber weiter mit.

Die teilweise engen Gassen, durch die sie die Läufer führen, zwingen uns immer wieder dazu, das Tempo zu drosseln und dann wiederum deutlich zu erhöhen; auch solche Späße machen mich im Kopf verrückt. Dazu kommt: der Magen mag in seinem rumorigen Zustand keine Gels, zwei Mal merke ich, dass es mir hochkommt, kann es aber unterdrücken – prost Mahlzeit. Noch vor der Hälfte der Strecke verbringe ich dann ein paar Minuten auf einem Dixi-Klo, was zumindest etwas „Entlastung“ bringt; ich überlege kurz, nach Hause zu gehen, denke dann aber, dass es zu Fuß von Charlottenburg zu weit wäre.

Die zweite Hälfte

Wie immer kommt ab der zweiten Hälfte die Folge des ausgebliebenen Krafttrainings zum Vorschein: ich werde schwächer und schwächer (den 2. Halbmarathon laufe ich 17 Minuten (!) langsamer, als den ersten), parallel dazu sinkt meine Laune rapide ab. Lediglich Libby und Diane aus Australien ziehen mich ein ganzes Stück Kilometer für Kilometer weiter (ohne es zu wissen), von KM 35 bis 40 halten mich dunkelrote Hotpants auf der Spur (schließlich ging es ums Überleben!), den Rest kämpfe ich mich durch, bis ich ENDLICH im Ziel einlaufe – auf den letzten 500 Metern tobt am Straßenrand der Bär. (Haha, BÄR! Berlin, Bär, Ihr versteht?!)

Das Publikum

Ich habe den Eindruck, dass etwa 80% der Berliner Zuschauer am Streckenrand auf ihre Smartphones starren, statt uns anzufeuern; alternativ zeigen sie einfach gar keine Emotion, während sie ein Schild mit „Quäl Dich, Du Sau“ hochhalten. Die Laune sinkt weiter, ich freue mich dann aber jedes Mal, wenn ich auf die anderen 20% treffe, die sich alle Mühe geben – es ist deutlich auffällig, dass die richtigen Stimmungskanonen eher die Besucher aus anderen Ländern sind: Franzosen, Engländer, Mexikaner, Schotten, Italiener und Spanier. Einige Gruppen treffe ich sogar mehrmals entlang der Strecke – manche Zuschauer nehmen also wirklich einen ordentlichen logistischen Aufwand hin, um ihre Liebsten oder Angehörigen anzufeuern. Dazu kommen diverse WG-Grüppchen auf ihren Balkonen, die von dort aus Party machen. Recht so, jeder Anlass für’s Frühschoppen sollte genutzt werden!

Negativ-Erlebnis: der betrunkene Kerl am Straßenrand, der einer Läuferin vor mir einfach an die Brust fasst – weder sie noch andere Läufer können irgendwas tun – wir laufen alle weiter, davon lässt selbst sie sich nicht aus der Ruhe bringen.


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Danach und heute

Jetzt  muss man also nicht mutmaßen, warum ich unter meinem Ziel lag. Eine Sache bleibt aber komisch – genau wie bei allen letzten Marathons: zwar kämpfe ich mich erschöpft ins Ziel, allerdings dauert es dann maximal 5 Minuten, bis ich wieder fit bin. Ich habe weder Muskelprobleme, noch Krämpfe, kann jede Treppe normal gehen (auch heute noch) und spüre außer überschaubarem Muskelkater in den Oberschenkeln und etwas Müdigkeit nicht viel vom Laktat, was ich doch eher merkwürdig finde.

Entweder hätte ich also DOCH mehr geschafft und strenge mich einfach nicht genug an, oder mein Körper schüttet kein Laktat aus, was eher unwahrscheinlich sein dürfte.

Na denn, es bleibt als Fazit: ich LIEBE diese Qualen – und ich freue mich schon auf den nächsten!

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

8 Kommentare bei “Mein Berlin Marathon 2015

  1. Würde ja gerne gefällt mir drücken, da der Bericht echt Klasse ist. Aber der Inhalt hält mich doch davon ab. Sorry!
    Ich habe deine Vorbereitung, und nicht nur deine, ein wenig genauer verfolgt, und ich muss sagen, nichts anderes erwartet. Ich weiß nicht warum du auf die Idee kommst, nur das Krafttraining wäre der Schlüssel zum Erfolg. Richtig ist, dass Krafttraining einen Teil vom Kuchen ist und wer da fleißig und richtig trainiert, der wird den Unterschied merken. Bei dir, und da auch nicht nur bei dir, fehlt schlicht und ergreifend die Grundlage. Sorry wenn ich das jetzt ganz direkt anspreche.
    Wenn du wirklich trainieren und dich verbessern willst, dann vergiss die 12 oder wie du sie lieber hast,die 16 Wochenpläne. Trainiere jahresdurchgängig und ernsthaft und nicht nur punktuell auf ein bestimmtes Ziel hin. Dabei kannst du deine anderen Lieblingssportarten ruhig in das Training als Alternative einbauen, aber trainiere richtig, nicht nur nach selbst zusammengestoppelten Plänen von xy. OK, du nimmst mal den und mal den anderen Guru, der dich auf Vordermann bringen soll, aber das geht nur wenn die Basis passt. Und trainiere nicht nach „Komfortplänen“, die ja so beliebt im Internet zu finden sind, sondern nach einem, den du zu Beginn jeden Tag, jede Woche verfluchst und fürchtest.
    Ich weiß, 4 Stunden ist so die magische Grenze bei sehr vielen LäuferInnen, aber man braucht nicht wirklich viel Talent um diese Marke zu pulverisieren. Man braucht nur die richtigen Pläne, Disziplin, Wille und Härte, um den inneren Schweinehund in den Griff zu bekommen.
    Ich denke, du kannst viel vielmehr aus dir rausholen, aber du musst es wollen und die richtigen Entscheidungen treffen. So wird das beim nächsten mal womöglich wieder eine Enttäuschung für dich.

    Alles Gute weiterhin und auf ein Neues.
    Der Tiroler

  2. Scheiß auf die Zeit – um es mal drastisch zu sagen: Das Erlebnis und die Freude zählen! Ich war vor 2 Jahren in Berlin auf 3h Kurs bis zum Potsdamer Platz. Da sah ich dann meine wirklich hochschwangere Frau und ich wußte ich muss noch mind. 6h im Auto heimfahren. Und nicht schlafen. Entsprechend reduzierte ich das Tempo und ging viel. Mit dem Ergebnis die 3h um 10 Minuten zu verfehlen. Na und? Noch heute rege ich mich nicht darüber auf. Sondern dort laufen zu dürfen war einfach wundervoll. Gerade weil bei mir das Publikum einfach der Brüller war. Nonstop Party über 42 Kilometer.

  3. Krafttraining macht man hauptsächlich, damit man verletzungsfrei bleibt. Wobei sich das bei mir schon immer darauf beschränkt, dass ich in die Kletterhallte gehe oder neuerdings einmal die Woche Yoga mache. Für die Leistung an sich halte ich das nebensächlich, zumindest in unseren Spähren.

    Dein Trainingsplan schaut an sich ganz vernünftig aus und der Umfang sollte auch genügen.Aber natürlich muss da, wie born2run schreibt, eine Konstante übers ganze Jahr zugrunde liegen. Ich kann Dir wirklich nur den Tipp geben mal das Geld in eine Ergospiriometrie zu investieren. Da siehst du dann ganz genau, wo es wirklich hakt.

  4. ein schöner Bericht von dir. Die 17min langsamer auf der zweiten Hälfte sind nicht schön, aber da muss ich den anderen zustimmen, es fehlt eben die Grundlage, aber wer bin ich schon, der sowas schreibt. ich selbst bin bei 32 ausgestiegen und schwöre jetzt erstmal ab. Es gibt auch anderes als Marathon. Mal schauen wohin es mich verschlägt

  5. Was sind schon 17 Minuten, wenn man 28 haben kann. Ich hab meinen Berlin Marathon auch wunderbar gegen die Wand gefahren – zwar relativ bewusst, dafür aber um so schmerzhafter. Viel zu schnell gestartet und dann Krämpfe aus der Hölle.

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