Motivation

Laufen(d) digital: alles halb so wild!

Dass Läuferinnen und Läufer immer alles gleich twittern müssen! Dass sie davon direkt Bilder bei Instagram posten! Dass die ihre frühen Sonntagsläufe auf Facebook ausbreiten müssen! WEN INTERESSIERT DAS DENN?

Ach, wer kennt das nicht – die Kommentare kommen von Freunden (oder solchen, die es vorgeben zu sein), manchmal sogar von Verwandten, die gern den Zeigefinger heben und „uns“ doch zu etwas mehr Achtsamkeit im Leben mahnen möchten. Dargestellt werden wir Internet-Junkies dann gern als digitale Serientäter, welche hektisch und mit zitternden Händen ihre sozialen Netze bedienen, mit Ringen unter den Augen in kleinen, verwaisten Wohnungen hocken, fern jedes Kontaktes zur Außenwelt, unfähig, selbst die Umwelt wahrzunehmen. Erst kürzlich kursierte das nette Strichmännchen mit dem Hinweis, man müsse doch nicht unbedingt Bilder der hauseigenen Schneelandschaft posten, sie hätten ja schließlich selbst Augen im Kopf.

„Sei doch mal analog!“ – die neue Anti-Stress-Kur

Fast ist es schon ein Trend geworden, das „Digital-Fasten“: mal Abstand gewinnen von den aufreibenden sozialen Netzen, mal Ruhe finden von all den Reizen der Timelines, der Apps, der Gadgets. So bekommt es auch Otto-Normal-Läufer(in) gern mal um die Nase geschmiert, dass es doch vielleicht gar nicht nötig sei, jede Stimmung, jeden Gedanken, jedes Foto vom Laufen, Biken, Schwimmen oder sonstwelchem Sport tagtäglich raus in die Weiten des Internets zu jagen; das Status-Update auf Twitter mit der Kilometerzahl des letzten Laufes, das Foto bei Instagram auf dem Mountainbike im Wald, der – wie später auch dieser – geteilte Blogpost über die neusten Trainings-Ergebnisse auf Facebook; all das müsse doch nun wirklich nicht immer sein! So wurde ich noch selbst von einem guten Freund gefragt: „Liest das eigentlich überhaupt jemand, oder machst Du das einfach nur so, für Dich?“ Und: „Ist das nicht furchtbar stressig, immer alles überall zu teilen?“.

Von Verständnis und Unverständnis

Es ist wirklich interessant: aus irgendeinem – mir bisher nicht ersichtlichen – Grund wird das Nutzen digitaler Medien also tatsächlich durchweg mit Stress und Hektik assoziiert; das Teilen von Erlebnissen in Wort und Bild wird einerseits als notwendiges Übel betrachtet, während der Konsum genau dieser Inhalte – der in diesem Fall eigentlich nur aus einem näheren Umfeld kommen kann – als Anstrengung empfunden wird.

Um das klarzustellen: wir reden hier nicht von Nachrichten-Konsum. Wir reden nicht davon, negative Schlagzeilen zu konsumieren, die auf so vielen verschiedenen Wegen tatsächlich zu Stress, sogar zu Krankheit und Depression führen können. Wir reden davon, dass DU, liebe Leserschaft das hier lesen kannst. Vielleicht, weil wir mal zusammen zur Schule gingen. Vielleicht haben wir auch im Audimax zusammen in der Marketing-Vorlesung gehockt, oder waren aber auch einfach nur mal Nachbarn, damals in Köln, kurze Weggefährten später im Schwarzwald, flüchtige Bekanntschaften von irgendeiner Reise, wo auch immer auf der Welt. Wenn wir Freunde bei Facebook sind, dann nur, weil wir uns tatsächlich kennen oder zumindest gern ein Bier zusammen trinken würden, wenn wir uns bei Twitter „folgen“, dann nur, weil Du Dinge schreibst, die mich interessieren (oder andersrum), wenn Du meine Bilder bei Instagram magst, dann, weil es Dir Spaß macht zu sehen, wie ich lebe – oder eben mir zu zeigen, wie es bei Dir weiter ging. Kurzum: unser digitaler Kontakt sollte aus Interesse am Leben des anderen bestehen, nicht aus Desinteresse – das ist die Grundvoraussetzung.

Ich teile mein Leben. Ich zeige es natürlich nicht jedem, denn ich habe – was nicht selbstverständlich ist – gelernt, wie ich damit umzugehen habe. Ich weiß, was ich wem zugänglich mache, ich weiß, wer was von mir erfahren darf, ohne meine Seele zu entblößen. Nichtsdestotrotz: warum wären wir denn Freunde auf Facebook, würdest Du gar nicht wissen wollen, wie es mir geht; warum „folgtest“ Du mir auf Twitter, wäre es Dir zu stressig, meine Tweets zu lesen? Vielleicht liegt hier schon der Unterschied in der Denke – ich verstehe bis heute nicht, warum ich manche Freunde in Zuckerbergs Welt habe, die sehr wohl Teil an meinem Leben haben, während sie selbst ihr eigenes so konsequent vor mir verbergen.

Sehr oft sind es gerade jene Menschen, die den Konsum sozialer Netze selbst nicht aktiv steuern können, oder aber diesen Konsum nicht priorisieren können, die ihrerseits dann dazu mahnen, doch mal wieder „offline“ zu leben, „das echte Leben zu genießen“, mal selbst „vor die Tür zu gehen“. Gerade in unserem Fall – wir reden ja immer noch vom Sport – scheint gerade Letzteres oft eher amüsant. Ich bin mir sehr sicher, dass ich deutlich mehr Abenteuer erlebe, wenn ich am Wochenende 4 Stunden durch den Wald laufe; ich weiß garantiert, dass ich mehr Spaß habe, wenn ich Füchsen oder Rehen auf dem Feldweg begegne und ich liebe das Gefühl, im Sommer durch den Regen, im Winter durch den Schnee zu laufen. Ziemlich oft versuche ich, solche Erlebnisse festzuhalten, egal ob in 140 Zeichen, einem Foto oder einem Blogpost. Ich versuche, das Gefühl zu teilen – übrigens nicht weil ich es müsste – und es irgendwie raus in die Welt zu schicken, wenn auch über einen so banalen Weg.

Netzwerkgespräche und Vorbildfunktion

Während man manche alten Freunde vielleicht Monate oder schon Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen hat, sind es gerade die sozialen Netze, die den Kontakt noch aufrecht halten – gleichzeitig aber kommen Menschen dazu, auf die man sonst vermutlich niemals im Leben getroffen wäre (was in vielen Fällen durchaus schade gewesen wäre). Ich fände es sehr schade, die Poesie aus den Läufen von Oriane vermissen zu müssen, die ich eigentlich nur kenne, weil ich dieses Blog schreibe. Ich wäre nicht meinen zweiten Ultra-Lauf in Rodgau mit den netten Begleitern rund um Frederic gelaufen, die ich so persönlich kennenlernen konnte, hätte auch das Frühstück vor dem Lauf nicht mit Bärbel verbracht, die ich über Twitter traf. Aber damit sollte ich nicht anfangen – ich würde die wirklich zahllosen Läuferinnen und Läufer auf WordPress, Twitter, Facebook, Tumblr und sonstwo ausblenden, die ich manchmal einfach nur lese, deren Trainings-Updates ich mitbekomme, deren Erlebnisse ich teile, nachvollziehe oder genieße.

Ich weiß, dass der ein oder andere „Freund“ mit dem Joggen begonnen hat, weil meine Status-Updates ihn irgendwann inspirierten. Vielleicht waren es nicht nur meine eigenen, sondern auch die anderer Bekannter – aber wenn dadurch jemand auf die Idee gekommen ist, eine gesündere, aktiviere Lebensweise zu beginnen: bitte danke, da hat es sich doch längst gelohnt, zwanzig anderen auf die Nerven gegangen zu sein.

Willkommen im Jetzt: das ist das Leben!

Tatsächlich: mein digitales Leben ist spannender, als mein analoger Alltag. 98% meiner guten, alten Freunde leben 630 Kilometer weit entfernt, ich sehe die wenigsten von ihnen, dann vielleicht ein Mal im Jahr. Fast alle haben ihren Alltag: Familien, Berufe, Kinder; selbst diejenigen, die nebeneinander leben, sehen sich eher selten – und die sind nicht sehr „digital“. Demgegenüber stehen Menschen, die wissen, wie ich gerne und warum meine Zeit verbringe, die nachvollziehen können, warum ich gern da draußen bin, die verstehen, warum eine Verletzung nervt, eine Laufplanung Spaß macht, ich gerne ein Wochenende in den Bergen verbringe. Da sind Digitalos, die mein Leben teils besser kennen, als vermeintlich gute Freunde – die sich ihrerseits überschaubar selten melden.

In diesem Sinne: FOLLOW ME. Oder was auch immer.

sportbleibtmord

 

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

9 Kommentare bei “Laufen(d) digital: alles halb so wild!

  1. Mir geht es ähnlich: ich habe einige Läufer über die sozialen Medien kennen gelernt, die irgendwo im Umkreis leben und treffe mich gerne mal zu einem Lauf mit denen. Manche lernt man halt nur bei Wettkämpfen kennen, so wie wir uns. :-) Aber das würde ich nicht missen wollen. Für mich hat meine digitale Identitität meine analoge Identität bereichert. Außerdem lebe ich ja gar nicht im dunklen Kämmerlein und habe nur die digitale Identität. Ich habe auch ein analoges Leben. Einiges davon halte ich zu großen Teilen aus meinem digitalen Leben raus. Anderes, wie mein Hobby, das Laufen, teile ich gerne. Ich habe erlebt, wie es mich inspiriert hat und ich will auch andere inspirieren.

  2. Da bin ich mit Dir völlig einer Meinung.
    Wenn ich etwas teilen möchte, tue ich das. Wenn nicht, lass ich’s bleiben.
    Wenn ich etwas lesen möchte, kann ich das tun, ansonsten scrolle ich weiter. Wo ist das Problem?
    Mir geht es auch eher so, dass ich schon durch viele virtuelle Bekanntschaften inspiriert wurde. Ich fühle mich zum Training motiviert, wenn ich sehe, dass andere auch trainieren. Ich bekomme neue Anregungen und Ideen, und ich lerne tolle Leute kennen, die ich sonst nie so getroffen hätte.
    Also. Folgen wir uns – stressfrei!

  3. Genau darüber habe ich mir in der letzten Zeit auch Gedanken gemacht, aber war noch zu keinem vernünftigen Ergebnis gekommen. Normalerweise passiert das spätestens beim Schreiben. Wie schön, dass mal jemand anderes die Gedankensuppe ausgelöffelt und so schön sortiert hat. Dankeschön!

  4. Interessante Überlegungen – ich schreibe jetzt etwas, was sicher alle tun würden: Ich für meinen Teil bin auf Twitter (wenn ich nicht im Sinne meines Blogs agiere) ich selbst. Genau so doof, ironisch, mimimi-end oder ernst wie in echt. Aber klar, das kann keiner beurteilen.

    Ohne Twitter würde ich so viele nette Leute nicht kennen – und das schöne ist, dass die meisten bisher in Echt auch genau so waren wie im Netz. Die Social Media Ausdauersportler haben es wohl nicht nötig sich zu verstellen. Klar, denn keiner von uns gewinnt einen Blumentopf. Ich freue mich wenn ich jemand irgendwo treffen kann und selbst wenn nicht macht es mir Spaß das Treiben der anderen zu verfolgen.

    Denke ich auch noch dran, dass mein realer Freundeskreis mich für bekloppt hält ist es doch schön auch mal auf Augenhöhe über etwas zu diskutieren was einem wichtig ist. Nur mit einem muss man aufpassen… in der eigenen Filterblase nicht jeglichen Extremismus mitmachen, denn eines muss man uns Internetsportlern lassen, wir sind meist einen ticken wilder/weiter/extremer als die Leute die sich nur mit realen Bekanntschaften vergleichen.

  5. Ich muss offen zugeben. In der digitalen Welt kenne mich manche Leute besser, als lange Freunde. Grade wenn es um aktuelle Situationen geht. Einfach aus dem Grund, weil sich die Leute dafür interessieren. Das macht für mich das Thema Freundschaft aus. Sich für andere zu interessieren.

    Dabei bin ich auf einer Wellenlänge mit Daniel. Ich habe eine menge Leute über das Netz kennengelernt, welche ich nicht mehr missen will. Letztens war ich in Berlin. Getroffen mit „wildfremden“. Dennoch sind 12 Stunden verflogen, wie seit langem nicht mehr. Man war auf eine Basis.

    Der Rest der Leute kann ihre Meinung haben. Nur sollen sie mich damit nicht nerven.

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