Equipment / Laufen

Läufer in Uniform

Lauf-Clubs schießen ja neuerdings wie Pilze aus dem Boden: während es irgendwann mal damit anfing, dass sich solche Treffen im hippigen Underground-Style nur in großen Hauptstädten wie New York, Paris oder London als nächtliche Lauf-Party-Community etablierten, traten schon bald die trailigen und Naturerlebnis-orientierten Runner-Gemeinschaften in den Vordergrund – der Lauf-Sport an sich sollte zwar immer noch Spaß machen, aber auch das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit spielten plötzlich eine genauso wichtige Rolle im Läufer(innen)-Leben. Gemeinsam wollte man wieder in der Natur sein, am Lagerfeuer sitzen, ein Bierchen trinken; ein bisschen wie die Surfer-Communities der 70er und 80er (auch optisch).


Video: Dirtbag Runners USA

Die Marken-Clubs etablieren sich

Natürlich zogen bald schon die großen Marken nach: ein neues Marketing-Potenzial hatte sich doch schließlich aufgetan! Vom Nike Running Club über die Asics Frontrunners, von den Adidas Runners über die Salomon Teams bis zum Runners Point Run Club – und da könnte ich ganz sicher noch so einige aufzählen. Aus eben genannter Marketing-Sicht ist das selbstverständlich nachzuvollziehen: nirgends sonst kommst Du so nah an deine Zielgruppe, die Du zu Deinen eigenen, kleinen Markenbotschaftern entwickeln kannst. Es ist ein Leichtes, sie regelmäßig mit kleinen Produkten und Accessoires zu versorgen, kleinere oder auch größere Events zu organisieren oder den örtlichen Lauf-Club beim Event exklusiv zu versorgen. Kundenbindung eben. Die Social-Media-Generation bedankt sich auf ihre Weise: über sämtliche Kanäle werden diese Botschaften durch die Testimonials und deren persönlichen Empfehlungen weiter und weitergegeben. Wie gesagt: aus Sicht der Marken völlig legitim und nicht verwerflich.

Aus meiner subjektiven Sicht hat ja auch so jede dieser Gruppen ein bisschen ihr eigenes Ding. Während die Nike Runners eigentlich immer so aussehen, als wären sie grad frisch aus einem Ei geschlüpft oder hätten sich vor einem Lauf schnell noch nagelneues Equipment zugelegt (mit schmutzigen Schuhen darf man da wohl nicht mitmachen?), zeigen sich die Adidas Runners eher als die Punks auf den Pfaden: ein bisschen rockig im Style, durchaus etwa um die 5 Jahre älter als die NRC-Küken, aber doch noch ein wenig wild und schwer zu bändigen – vielleicht kann man sie auch als die Wildpferde bezeichnen. Sie machen sich schon ganz gern mal schmutzig, man merkt ihnen aber an, dass Adidas ordentlich Kohle reinbuttert – und sie werden nicht müde, schnell noch mal bei der Runbase auf einen Smoothie einzuchecken – man muss sich ja auch mal zeigen, bei den Buddies. Hashtag #runbase.

Bilder oben: der Support-Stand des Nike Running Clubs beim Plänterwaldlauf 2015 in Berlin. Vorfahren, heißen Tee und Saft verteilen, gemeinsam aufwärmen, bisschen reden und danach wieder fahren. Für die Bindung zu Läuferin und Läufer durchaus nicht verkehrt.

Aus irgendeinem Grund sind diese beiden Gruppen tatsächlich die aktivsten – kleine Teams, wie die Runhappy-Läufer von BROOKS (da hab ich ja auch mal mitgemacht) sind eher so die kuscheligen Nebenerscheinungen und bisher auch nicht in regionalen Clubs organisiert (was an organisatorischen Hürden scheitern dürfte), ASICS Frontrunner positionieren sich als gesellschaftliche Elite (glitzer glitzer, shiny shiny), während man organisierte oder gesponserte Salomon Anhänger sowieso nur in Fachzeitschriften erblickt. Einschub meinerseits: dieses Schubladen-Denken darf nicht überbewertet werden, ich kann das natürlich auch ausblenden.

Antikapitalistische Lauf-Crews: vereinigt Euch!

Im dritten Schritt kommt nun die natürliche Gegenreaktion auf die Marken: es etablieren sich nun solche Lauf-Communities, die ähnlich den US-amerikanischen Vorbildern wenig Sinn darin sehen, sich von oben bis unten mit Markennamen zuzupflastern. Jetzt kommen auch hier eher die echten Straßen-Rocker, die Asphalt-Hippies und Running Outlaws auf den Plan – wieder mit dem Ziel, eine Gemeinschaft zu entwickeln, die sich als Gruppe sieht, während man gleichzeitig darauf verzichtet, wie ein neonfarbenes Knicklicht durch die Gegend zu rennen. Ein bisschen Straßen-Gang-Stylo mit Grease-Flair, nur ohne Drive-By-Shootings und bisher auch ohne Liebes-Romanze (glaub ich.) Ich gestehe: mir persönlich sind die ja am sympathischsten. Die meisten sind tätowiert (wie ich), männlich bebartet (wie ich) oder weiblich stylish, oft eher lässig, aufgeschlossen und vielfältig, bestenfalls auch Pflanzenfresser (wieder wie ich). Sie sind also ein bisschen das europäische Abbild der eingangs genannten Hippie-Gruppierung aus Trumpland, nur urbaner.

Das Internetz bietet diesen Communities sowieso eine Plattform, die sie organisatorisch recht problemlos mit den Marken gleichziehen lässt: Events und Treffen lassen sich wie die gemeinsamen Läufe über Facebook planen, man kommuniziert über alle möglichen Kanäle und schließlich – das Herzstück dieser Gruppen: es ist verdammt einfach möglich, Shirts, Mützen, Hosen, Taschen und sonstiges Lauf-Werkzeug mit einem gemeinsamen Logo zu versehen. WE are RUNNERS!

Mein Problem: die Uniform!

Ich muss sagen: ja, auch ich hatte schon oft den Finger auf dem Bestell-Knöpfchen. Ob es nun das Trucker-Cap der Dirtbag-Runners war oder ein cooles Mützchen von Willpower Running (das Wet-Bag finde ich allerdings auch ganz geil): da ist schon mal das ein oder andere Schätzchen im Warenkorb gelandet und hat dort tatsächlich auch eine Weile geschlummert.

Dann aber plötzlich tritt jedes Mal mein eigentliches Problem auf: ich bilde mir ein, dass ich durch das Abbilden eines Logos ein Statement abgebe – und mich damit in eine Schublade stecken lasse. Genau das widerstrebt mir aber zutiefst: stellt Euch mal vor, irgendein dahergelaufener Blogger steckt mich ebenfalls in eine Gruppe Menschen, wie ich es da eben getan habe! Das geht doch nicht! Wenn ich über diesen Weg schon Statements abgebe, dann will ich mir die aussuchen. Ich will flexibel sein. Ich laufe im Sommer mit meinen Sea Shepherd Shirts, bin sowieso wieder auf Baumwolle umgestiegen (wegen der Chemie) und achte einfach drauf, möglichst wenig Neon-Farben zu tragen (es gibt trotzdem Wege, im Dunkeln sichtbar zu sein!), damit ich keine epileptischen Anfälle bei meinen Mitmenschen auslöse.

Die Individualität jedes Einzelnen ist zur Zeit so unglaublich wichtig – denn genau DIE wird uns momentan so oft einfach im Netz genommen, was wiederum dazu führt, dass man abgeschottete Gruppierungen definiert, sie mit Vorurteilen belegt (wie ich es mit den Nike- und Adidas-Läufern getan habe) und – im nächsten Schritt – vielleicht sogar zu Gegnern macht, weil das eben einfacher ist.

Bleib einfach Du selbst.

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

5 Kommentare bei “Läufer in Uniform

  1. Hi Dominik,
    „zum“ Glück gibt es hier in der Gegend keine Markenlauftreffs, dazu ist die Region wohl nicht interessant genug für die großen Marken. Als jemand der zum allergrößten Teil Solo unterwegs ist, ist mir so eine Organisation eh viel zu unflexibel als dass ich mich da irgendwie beteiligen könnte. Ich stoße da oftmals bei Gelegenheit dazu, bin auch eben auch nirgends „organisiert“.
    Was ich in meinem Umfeld allerdings beobachten kann sind wilde Zusammenkünfte von Lauffreunden die zusammen unter einem gemeinsamen Banner durch die Wälder streifen. Die Laufbrigade Oberberg, ein paar Jungs und Mädels aus dem Siegerland oder die Thr33ky Crew sind da gute Beispiele. Wobei bei letzterer ganz klar die Marke Thr33ky den Kern bildet, ich würde sogar fast meinen dass das ein der ersten „Marken“lauftreffs war ohne ein wirklicher von der Marke organisierter Lauftreff zu sein :)

    Gruß
    Sascha

  2. Ich war auch bereits bei diversen Lauftreffs, wenngleich ich meist allein oder mit einer kleinen Laufgruppe aus dem Kiez durch die Wälder streife. In jedem Fall trage ich dann so oder so immer genau das, wonach ich mich fühle. Man stelle sich andernfalls nicht meine Laune vor, wenn man mich in etwas hineinzwängen will, was an dem Tag nicht zu mir und meinem Gefühl passt. Das möchte sicher niemand, ich nicht und meine Mitmenschen auch nicht. Bis jetzt fand das auch noch keiner komisch. Neulich fand ich es nur schräg, als ich in Blau zu einem Treffen marschierte und alle sonst dort in schwarz, schwarz, schwarz aufschlugen. Dennoch finde ich solche Treffs hin und wieder ganz unterhaltsam.

  3. Hi Dominik,
    bin seit ein paar Wochen wieder bei einem Lauftreff in meiner Nähe, organisiert von einem Laufshop. Gleiches Prinzip, aber doch irgendwie ganz anders. Uniformiertheit ist hier ganz und gar nicht ausgeprägt – alles nette Leute, die einfach nur Bock haben zu laufen. Und naja, dass es halt das ein oder andere Gadget oder Equipment-Teil vor Ort direkt anzuschauen und zu kaufen gibt ist halt ein .. positiver Nebeneffekt 😉
    Andere Sache: Wenn du im Sommer mit deinen Sea-Shepherd Shirts laufen gehst, lässt du dich damit nicht auch in eine Schublade stecken? Ist das dann Absicht?
    Ich bin seit einer Weile am überlegen, ob ich nicht meine normale Laufbekleidung irgendwie (wirtschaftlich vertretbar) mit meinem Blog-Namen „branden“ kann. Und bei dir wäre das ja noch viel cooler mit dem Blog-Namen :-) das wäre ja eine Schublade in die man gesteckt werden will, oder?

  4. „ASICS Frontrunner positionieren sich als gesellschaftliche Elite (glitzer glitzer, shiny shiny), während man organisierte oder gesponserte Salomon Anhänger sowieso nur in Fachzeitschriften erblickt.“ – wie wahr, wie wahr.

    Bei den Radfahrern gibt es mehr und mehr Gruppen, die sich frei von den verbandsvorgegebenen Regeln machen und eigentlich genau das treiben, was du dir wünscht. Rad Race oder Schleudergang sind da nur zwei davon, denen ich folge.

    Bei den Läufern gibt es das mitunter auch, ohne dass es in den diversen Netzen groß publik wird. Beispielsweise werden bei uns Jahr für Jahr der JUNUT und der NAFPUT durchgeführt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt und an eine Startnummer kommt man über Einladung oder Empfehlung. Die Startgebühr ist gering und es ist viel Leidenschaft dabei.

    In diesem Sinne werden wir im Frühjahr einen Trailmarathon und -halbmarathon veranstalten. Organisatorisch solls auf Sparflamme bleiben, startgebührenmäßig dafür aber auch. Bei 10 oder 15 Euro muss einfach Schluss sein. Dafür gibt es dann aber halt nur 3 Verpflegungstellen und danach eine warme Dusche.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *