Alternativen / Rennrad

Kein Hai im Müggelsee

Samstag. Laut Trainingsplan heißt es: Ruhetag oder lockeres Alternativ-Training – und während ich so vor dem Fenster sitze, mir den Regen anschaue und die nassen, bunten Blätter auf der Straße in unserem Kiez sehe, muss ich spontan an den neuen Vodafone TV-Spot denken; in Gedanken höre ich in der Ferne plötzlich AC/DC’s Thunderstruck. Damit fällt also die Entscheidung: das Rennrad soll mal wieder auf die Straße, heute mal nicht auf das Tempelhofer Feld, sondern raus in den Wald: zum Müggelsee.

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Wie immer zieht es sich anfangs etwas: wenn man erstmal raus muss aus dem Kiez, raus aus dem engen Stadtverkehr, durch die nahen Viertel Berlins, dann hat man bereits die erste Prüfung zu bestehen – dem Nahverkehr zu trotzen. Ich sehe es einfach als aktive Meditation, versuche mich ganz besonders auf die frische, feuchte Luft zu konzentrieren und die Menschen, die Autos, den Gestank auszublenden. Heute ist ohnehin nicht so viel los; die meisten Berliner meiden das schäbige Herbstwetter und bleiben drin, nur echte Sportler und Hundebesitzer zeigen sich unbeeindruckt.

Die Berliner Radwege zeigen sich als zweite Hürde. Es ist schon teilweise etwas arg unverschämt, was man den Fahrradfahrern hier antut – und ich selbst muss mir das mal wieder vor Augen führen, wenn ich demnächst einen Radfahrer anhupe, weil er nicht den Radweg nutzt: fast überall Glas-Scherben, viele Steine auf den Wegen, nichts gefegt oder repariert. Schlaglöcher, von Blättern verdeckte Falten im Asphalt, Kopfsteinpflaster; mal lose, mal extrem grob. Ich muss bis aus Köpenick heraus, bis die Wege endlich besser werden – und ich endlich im Wald ankomme.

Durch das idyllische Villen-Viertel Grünau geht es am Wasser entlang der Ruder- Quartiere und der Regatta-Strecke – hier kann ich ein kleines Päuschen machen und mal die Ruhe genießen. Schwäne, Enten und Reiher hocken neben mir am Ufer, ich entspanne.

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Eigentlich wollte ich hier am Ufer der Dahme viele schöne Bilder für das Blog machen – am Ende stelle ich aber hier schon fest, dass mir ein bisschen zu kalt ist. Ich dachte, ich wäre warm genug angezogen, aber der Wind ist doch deutlich spürbar; mir ist kalt. Nur die Bewegung kann mich etwas aufheizen, also heißt es schon nach kurzer Pause: Aufbruch. Es liegen noch gut 40 Kilometer über die Dörfer vor mir.

Mein Plan ist es, nach Köpenick und Grünau über Schmöckwitz und Neu Zittau zu fahren, um von dort dann auf der anderen Seite der Dahme in Richtung Berlin zurück zu gelangen. Ich schiebe noch ein paar Klettereien ein, weil meine Füße inzwischen eiskalt sind; ich brauche die Bewegung und nehme mir fest vor, für die nächste Fahrt dickere Socken anzuziehen – dafür brauche aber wohl größere Bike-Schuhe.

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Hin und wieder klart der Himmel sogar auf und zeigt einige blaue Flecken – aber es bleibt dieses komische Misch-Wetter: das, wo man eben den blauen Himmel sieht, während man gleichzeitig doch den leichten Regen im Gesicht spürt. Perfekt für jede Art von Outdoor-Sport und großartig für diesen kleinen Ausflug. Außer mir sind nur extrem wenige Leute unterwegs und ich ärgere mich ein bisschen, dass ich mein Mountainbike immer noch nicht hier in Berlin habe; damit könnte ich hier und jetzt fantastisch über die Pfade schießen…

So sehr ich auch Ausschau halte: ich sehe jedenfalls weder in der Dahme, noch im Müggelsee irgendwelche Haie, nicht mal ein künstlicher oder zumindest anderes Fischwerk bietet sich mir an. Ein kleines See-Monster würde hier sicher gut machen, aber inzwischen ist das einzig monströse hier mein aufkommender Hunger: ich will nach Hause und denke ab jetzt für weitere 30 Kilometer durchgehend nur noch an Pommes.

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Ab Neu Zittau bis Köpenick habe ich auf der zweiten Streckenhälfte wieder richtig gute Rad-Strecken, so dass ich auch mal etwas schneller fahren kann – genau das habe ich bisher eher vermeidet. Abseits des Tempelhofer Feldes verstecken sich unter dem Herbstlauf so unglaublich viele kleine Fallen, dass ich es niemals riskieren würde, mein Lauf-Training unterbrechen zu müssen, weil ich mich mit dem Bike niedergestreckt hätte. Ich denke aber einfach weiterhin nur an Pommes, stelle mir inzwischen sogar vor, wie ich einen gigantischen Teller derselben direkt unter der heißen Dusche vernichte – das gibt doch noch mal etwas Schub auf die Pedale.

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Irgendwann stelle ich fest, dass ich gar nicht mehr in Berlin war – ich habe nämlich die Landesgrenze zu Brandenburg überschritten, was wohl auch der Grund war, dass alles plötzlich nicht mehr so schäbig war: die Landschaftsschutzgebiete zwischen Dahme und Müggelsee sind wirklich äußerst schön, es riecht sogar ein bisschen nach Holz, so wie damals im Schwarzwald. Hier steht die Zeit still; alles ist dörflich, ich hätte wahnsinnig Lust, mich in eine dieser Dorfkneipen zu setzen und ein alkoholfreies Weizen zu trinken – das hebe ich mir für den kommenden Sommer auf…

Ach, und falls wer den Hai sehen will – bitteschön:


End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

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