Laufen mit Hund / Rennrad / Training

Fahrradfahren in Berlin

Berlin, was ist nur los mit Dir? Man muss nicht besonders lange in dieser Stadt leben, um das Verhältnis zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern zu bemerken: es ist in etwa so zu beschreiben, wie ein Zusammentreffen von Imperialen Sturmtruppen und den Rebellen unter Luke Skywalker, so wie die Schlachten zwischen den Völkern aus Mittelerde mit den dunklen Orks, so wie Treffen zwischen Föderation und Klingonen. Fahrradfahren in Berlin wird auf den ersten Blick eigentlich immer mitleidig betrachtet: viel zu viele Unfälle erreichen die manchmal traurigen Nachrichten.

Aber die Wahrheit ist dann doch oft weder schwarz, noch weiß – sie ist wohl eher gesprenkelt.

Die gemobbten Biker aus der Bundeshauptstadt

Ich selbst sitze sehr gern auf zwei Rädern: Ausfahrten auf Rennrad oder Mountainbike genieße ich, wann immer möglich; auch ich durfte schon diverse Male erfahren, dass das Fahrradfahren in Berlin doch eine gewisse Kunstfertigkeit voraussetzt. Radwege sind eher bedingt nutzbar (weil zugeparkt), Standstreifen von Bussen belegt; auf Fußgängerwegen wirst Du von eben jenen Fußgängern angebrüllt, auf der Straße abgedrängt, angehupt, angeschrieben oder blockiert – im schlimmsten Fall einfach umgefahren.

Fahrradfahren in Berlin | 2
Oft bleibt nur das Tempelhofer Feld, um mit dem Bike mal ungestört ein paar Kilometer zu machen…

Die Autofahrer hier sind nicht pingelig: sie sehen es wohl hin und wieder wie das gute alte Moorhuhnschießen, wenn sie ihre Fahrzeuge durch den Stadtverkehr steuern, immer auf der Suche nach zu erlegendem Drahtesel-Material. Diverse Gruppierungen finden sich zusammen, um aus Berlin endlich eine Fahrrad-Stadt zu machen; neue Radwege werden gefordert, gar eigene Fahrrad-Autobahnen angedacht, man trifft sich zu Großveranstaltungen, um auf die Sorgen aufmerksam zu machen und um damit ein Zeichen zu setzen: zu viele Fahrradfahrer sterben in Berlin, weil sie im Straßenverkehr kaum eine Chance haben.

Aufgekochte Emotionen im Straßenverkehr

Der Berliner Straßenverkehr ist ein Melting Pot der Emotionen; nie zuvor habe ich ein solch latent hohes Aggressivitätsniveau erleben müssen, wie hier. Letzteres erreicht seine Sternstunden grundsätzlich im Feierabend-Verkehr – mit Höhepunkt an den Freitagabenden, wenn dann alle endlich ins Wochenende wollen. Dann nämlich gibt es kein Halten mehr: Blech-Lawinen rollen durch die Straßen Berlins; Autos, LKW, Motorradfahrer, dazwischen unzählbare Mengen an Fahrradfahrern, umgeben von Fußgängern, die durcheinander wuseln, Armeen junger Eltern mit ihren Kinderwagen, durchsetzt von Skateboardern, Inlinern, Hundebesitzern und Rollstuhlfahrern – ein gigantisches Chaos.

All diese Verkehrsteilnehmer werden dann von genau zwei Dingen angetrieben:

  1. Ich will als Erste(r) zu Hause im Feierabend/ im Wochenende sein!
  2. Auto-Scooter fahren war ja auch früher schon ganz geil!

Eigentlich wird recht schnell deutlich, das mangelhaftes Verhalten im Straßenverkehr nichts damit zu tun hat, welches Verkehrsmittel dabei bedient wird (selbst wenn es nur die eigenen Füße sind), sondern dass der Grund im individuellen Verstand zu suchen ist, auch wenn alle beteiligten Gruppierungen das Problem eher pauschal beim anderen sehen: würden alle mitdenken und sich entspannen, dann liefe alles sicherlich etwas flüssiger.

Die andere Seite: Fahrradfahren in Berlin

Ich wiederhole: ich sitze selbst oft und gern auf dem Rad und ich habe Verständnis, wenn es um die Sorgen um das Fahrradfahren in Berlin geht. Aber – da ist auch eine andere Seite.

Wer sich einmal – nur aus Spaß – 10 oder 15 Minuten an irgendeine Kreuzung im Berliner Stadtverkehr stellt, der wird schnell die dunkle Seite der Macht unter den Zweirad-Fans bemerken – und das in einem nicht gerade geringem Ausmaß. Im Gegenteil: dort wird man sehen, wie etwa 8 von 10 Fahrradfahrern einen ordentlichen Scheiß auf Verkehrsführung, Verkehrsregeln oder andere Menschen geben und diese wie auch sich selbst regelmäßig in Gefahr bringen. Täglich sieht man, wie eben jene Fahrradfahrer aus sämtlichen Richtungen die Straßen befahren, vor, hinter, gefühlt selbst unter den Autos auftauchen, von vorn links, schräg hinten rechts in Zweier- oder Dreierreihen auftauchen, manchmal mit Hänger (besetzt von Kind und/oder Hund), mit Lieferbox, mit Kind auf dem Sattel, dem Gepäckträger oder dem Lenkrad, mit Lasten-Karre vor dem Bike oder am Ende sogar auf einem Tandem die Karl-Marx-Straße befahren müssen.

Weit mehr als die Hälfte fährt im Herbst oder Winter ohne Licht, nicht selten ebenfalls und gleichzeitig mit Kind auf dem Gestell; ich selbst sehe täglich solche, die während der Fahrt Nachrichten in ihr Smartphone tippen, Burger essen oder nicht selten sogar beides gleichzeitig tun; ich höre sie abgelenkt (wenn auch freisprechend) telefonieren oder sehe sie in Gruppen miteinander schwatzend, ohne jeglichen Fokus auf die Straße. Dabei ist zu bedenken: wir leben hier nicht auf dem Land, sondern in einer doch größeren Stadt – Ablenkung vom Straßenverkehr kann hier gefährlich sein.

Jeden Tag sehe ich, wie Fahrradfahrer über rote Ampeln jagen, sich durch die Fußgänger quetschen, auf drei-spurigen Straßen im Slalom schneller vorwärts kommen wollen, wie sie Fußgänger und Autofahrer anpöbeln, weil sie es so eilig haben. Die Realität ist NICHT der neonfarben leuchtende Radfahrer, der sich umsichtig und verantwortungsvoll durch die Straßen bewegt, während er die Umwelt schützend lieber radelt und bei den Treffen der Critical Mass darüber diskutiert, wie man denn noch mehr Radwege sichern könnte.

Kreuz und quer im Verkehr

Ich bin überzeugt davon: Fahrradfahren in Berlin ist keine ungefährliche Sache – und ich weiß, dass man es dabei nicht leicht hat. Aber ich weiß genauso, dass eben grad auch diese Alltags-Drahtesel-Nutzer in der Mehrzahl nicht daran interessiert ist, sich im Straßenverkehr umsichtig zu verhalten. Wie gesagt: die Mehrzahl, nicht alle.

Ich denke auch, dass eine große Menge Fahrradfahrer in dieser Stadt gar keinen Führerschein hat – eben weil es Dank öffentlicher Verkehrsmittel oder Mietwagen/Miet-Roller-Angebot auch gar nicht mehr wirklich notwendig ist; Menschen die vielleicht nie eine theoretische und/oder praktische Verkehrsausbildung bekommen haben, geschweige denn noch irgendeine Erinnerung an die Verkehrserziehung auf der Grundschule haben. Dazu kommen schließlich noch viele Touristen, Kurzbesucher und andere Unerfahrene, die mit dem Verkehr hier eventuell überfordert sein könnten.

Meine These: ab einer bestimmten Verkehrsdichte UND Einwohnerzahl (gekoppelt) sollten Fahrradfahrer ebenfalls eine – zumindest theoretische – Fahrprüfung ablegen müssen, damit in großen Städten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt & Co. auch so etwas Sicherheit gewährleistet wird.

So – jetzt dürft Ihr schimpfen :)

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

7 Kommentare bei “Fahrradfahren in Berlin

  1. Sehe ich ähnlich, allerdings dürften die meisten so etwas schon haben. Zumindest hier im Westen gab es damals als ich in der Schule war eine Fahrradprüfung in der Grundschule. Ohne die „durften“ wir nicht mit dem Rad zur Schule kommen, ob es das in den Schulen so noch gibt weiß ich nicht.

    1. Offiziell gibt es das noch – wird aber aus Personalmangel so gut wie kaum noch durchgeführt… und wenn ich das so bedenke: eben diese Grundschul-Trainings sind bei mir etwa 30 Jahre her und fanden auf nem Schulhof einer Dorfschule statt. Keine gute Vorbereitung, wenn man ehrlich ist 😉

  2. Verkehrserziehung ist wichtig, keine Frage, sollte mMn aber nicht in Form einer gesonderten Fahrprüfung abgelegt werden, sondern mit größerer Priorität und als Pflichtveranstaltung in den Schulen stattfinden. Denn wenn wir mal genz ehrlich sind: als extra Prüfung wird soetwas nicht kostenfrei oder auch nur günstig zu haben sein.

    Die beschriebenen Probleme kenne ich, wenn auch in abgeschwächter Form, aus Dortmund. Aber meiner Erfahrung nach ist ein großer Teil der Verkehrsdelikte von Radfahrern darauf zurück zu führen, dass die Verkehrsführung ihnen wo es geht Steine in den Weg legt. Übertreten der Gesetze wird zur Gewohnheit, weil Fahrradfahren sonst kaum möglich ist.

    „Wir“ Fahrradfahrer werden aufgerieben zwischen Autos und Fußgängern, und selbst wenn es garnicht unsere Absicht ist müssen wir uns unseren Platz mühsam erkämpfen, und so schade es auch ist, das wird früher oder später zur Gewohnheit.

    In Anbetracht der Tatsache, dass unsere Innenstädte unter dem Autoverkehr ersticken sollte die Antwort auf die Probleme sein, es den Menschen möglichst attraktiv zu machen, aufs Rad um zu steigen, gerade in Großstädten. Ein kostepflichtiger Führerschein wird das Gegenteil bewirken und ist nur noch eine weitere Hürde. Bessere Infrastruktur für Räder, gerne auch schlechtere für Autos, mehr Polizisten die für den Fahrradverkehr sensibilisiert werden (was Falschparker auf Radstreifen genau so beinhaltet wie Übertretungen von Radfahrern), und natürlich Verkehrserziehnung mit Fokus auf Radverkehr in der Schule, das wären meine Antworten.

    Wenn sich mehr „normale“ Menschen trauen das Rad zu benutzen werden im Verhältniss die „Kampfradler“ auch immer weniger.

    1. Ich habe immer genau so gedacht wie Du – aber das Konzept geht zumindest hier in Berlin nicht auf. Allein die Menge an Radfahrern würde erfordern, dass nicht nur zusätzliche Infrastruktur geschaffen werden müsste, sondern dass komplette Straßen nur und ausnahmslos von Fahrrädern benutzt werden müssten.

      Das Verhalten der Radfahrer hier in Berlin hat – so wie ich es selbst erlebe – nur bedingt damit zu tun, dass man ihnen Steine in den Weg legt; die verhalten sich nämlich auch untereinander so, in ruhigeren Bereichen.

      Außerdem: rote Ampeln sind rote Ampeln, Fahren ohne Licht aber MIT Kleinkind im Dunkeln oder gleichzeitiges Handytippen ist hier nicht etwas, was man hin und wieder mal sieht – sondern alle 3 Minuten, überall.

      Ich kann mich gern mal 20 Minuten an die nächste Kreuzung stellen und das filmen… 😉

      1. Gerade das „rote Ampeln sind rote Ampeln“ ist ja oftmals einer dieser Steine, aber es gibt ja Beispiele wie es besser für Radfahrer gelöst werden kann, zb „Green Phase for Cyclist“ (

        ) oder der Idaho-Stop (https://de.wikipedia.org/wiki/Idaho-Stop).

        Ich hoffe ja für Berlin, dass der „Volksentscheid Fahrrad“ (https://volksentscheid-fahrrad.de/) erfolgreich wird, da sind einige ganz gute Ideen bei. Und ich hoffe dass dadurch eine Entspannung auf den Straßen stattfindet.

        Aber gut, Radfahren ohne Licht mit Kleinkind und gleichzeitig Handy tippen – also ehrlich, wer so bescheuert ist wird auch durch einen Führerschein nicht einsichtig. Aber die Bescheuerten gibt es ja überall, genug Menschen mit Führerschein und somit einem Nachweis dass sie ausführlich über die Straßenverkehrsordnung aufgeklärt wurden verhalten sich im Auto wie die letzten Arschlöcher.

        Ich sehe die Probleme auch, vielleicht nicht in solchen Extremen, nur bin ich mit der Forderung nach einem Fahrrad-Führerschein absolut nicht einverstanden. Gibt ja aus der Politik auch schon Forderungen nach Nummernschilder für Fahrräder, das geht ja in eine ähnliche Richtung. Finde ich grundfalsch.

        Fahrradfahren muss eine niederschwellige Möglichkeit sein, um am Verkehr teil zu nehmen, muss eigentlich noch viel niederschwelliger werden. Wir müssen jeden in die Lage versetzen das Fahrrad benutzen zu können. Und, ja natürlich, dazu gehört auch dass die Fahrradfahrer sich an die eigene Nase packen und sich fragen, ob sie sich manchmal nicht zu viel und zu leicht von der Aggressivität der Straße anstecken lassen. Ich glaube aber nicht dass ein Fahrradführerschein dazu Hilfreich ist.

        p.s.: Ganze Straßen nur für Radfahrer – ein Träumchen <3 😉

  3. Oh das kenne ich nur zu gut. Fahre täglich mit dem Rad zur Arbeit. Wohne im Randbezirk und muss in die City West. Teilweise wahrscheinlich nicht ganz so schlimm wie in Mitte oder Prenzlauer Berg, habe mir aber auch abgewöhnt schnell zu fahren. Komme lieber heile nach Hause, denn die schnell aufgerissene Autotür wartet bestimmt 😉 Am schlimmsten finde ich, das ich oft geschnitten werden, obwohl genug Platz ist, um mich zu überholen. Lustig sind dann die Reaktionen, wenn man sie drei Ampeln später eingeholt hat und fragt, was das Problem war. Fahre teilweise schon Umwege um den Verkehr zu entgehen.

  4. Ein sehr schöner Beitrag, der mich sowohl amüsiert, aber auch gleichzeitig berührt hat. Ich kenne das Radfahren in Berlin sowohl mit dem Stadtrad, mit dem Renner und auch mit dem Auto. In allen Situationen gab es bereits heikel Momente, Momente voller Wut, aber gleichermaßen Rücksichtnahme. Ich hatte die Tage erst das Gefühl, dass es mit dem Stadtrad noch übler ist, als mit dem Rennrad. Dabei bin ich wirklich gern in Berlin mit dem Rad unterwegs. Oft gibt es auf beiden Seiten im Wissen ordentlich Nachholbedarf und ich wünschte, dass in der Fahrschule für Autofahrer schon gezielt mehr auf die Rechte und Pflichten von Radfahrer eingegangen werden würde.

    Neben all dem Stress mit mir selbst muss ich aber sagen, dass es mich noch mehr wütend macht, wie manche Väter und Mütter mit Kindern auf dem Rad vollgepackt mit Taschen/Tüten, Handy in der Hand durch den Verkehr manövrieren. Schon mehrfach gesehen und jedes Mal irritiert…

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