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Chemie in Laufkleidung – wie ist der Stand?

Wie wir uns ja nun alle erinnern, ist noch nicht all zu viel Zeit vergangen, seit die großen Damen und Herren dieser Länder in Paris zusammen saßen, um das Klima, die Umwelt und damit irgendwie wohl auch die ganze Welt zu retten. Vermutlich ist das Ganze für die meisten von uns nicht greifbar, was oft daran liegt, dass viele Ursachen für den desaströsen Zustand dieses Planeten kaum sichtbar sind – und sich auf so viele verschiedene Quellen verteilen, dass man sie einfach nicht direkt erkennt. Ein ganz besonders spannendes Thema ist für mich in diesem Fall die Verbreitung von krebserregendem Mikroplastik und chemischen Inhaltsstoffen in der Natur – unter anderem auch durch Chemie in Laufkleidung.

Da Greenpeace diesbezüglich eher Outdoor-Marken untersucht hat, wollte ich mal schauen, wie es sich denn im Bereich der Sportmarken diesbezüglich verhält. Nun bin ich weder Chemiker noch Umwelttechniker, und ich weiß auch, dass solche Dinge leider selten komplett gelesen werden, weil es nicht immer das spannendste Thema ist. Was ich also mal sehr komprimiert zusammengetragen habe:

  1. Ist die ganze Sorge nicht etwas übertrieben?
  2. Was sind das eigentlich für Gifte?
  3. Inwiefern ist solches Gift in Laufkleidung enthalten?
  4. Was kann ich nun tun?

Ist die ganze Sorge nicht etwas übertrieben?

Könnte man denken. Das Problem: weil man das Ganze nicht unmittelbar sieht, fällt es einfach nicht auf. Um es aber zu veranschaulichen: es gibt valide Studien, die belegen, dass man auf der ganzen Welt in JEDEM einzelnen Fisch inzwischen Plastik- und Chemierückstände nachweisen kann, die über das Wasser aufgenommen wurden. Das nennt man „Mikroplastik“, weil es so klein und fast unsichtbar ist. Genauso wie solches Mikroplastik gelangen auch hormonell wirksame Chemikalien in die Gewässer: weitere Studien haben nachgewiesen, dass in Flüssen und Seen auch bei uns in Deutschland solche Chemikalien zu finden sind.

Einen interessanten Beitrag dazu gibt es hier auf BR.de. Viele dieser Stoffe wirken nachweislich krebserregend, können Nervenschäden verursachen, führen zu Hautreizungen und Allergien. Dreiviertel aller Textilien in Europa kommen aus Billiglohnländern, wo keine Gesetze gegen den Einsatz der schlimmsten Materialien existieren – mehr Hintergrundberichte auch hier bei  Greenpeace.

Wissenschaftler fanden PFC in Fisch, Fleisch, Milchprodukten und Pflanzen, darunter auch in Getreide, das auf kontaminierten Böden gewachsen ist. Auch im Hausstaub und in der Innenraumluft sind PFC enthalten. Dabei ist die Luft in Häusern, Wohnungen und Büros 30- bis 570-fach mehr belastet als die Außenluft (UBA 2009). Bei Luftmessungen in zwei deutschen Outdoor-Geschäften fanden sich besonders hohe Konzentrationen an FTOH (Langer 2010). (Quelle)

Weltkarte PFC
Quelle: Greenpeace Deutschland

Was sind das eigentlich für Gifte?

Insgesamt kommen über 7.000 verschiedene Chemikalien in der Textilindustrie zum Einsatz – und hier folgen nur die wichtigsten darunter.

Nonylphenolethoxylate (NPE) | Diese werden zum Beispiel genutzt, um Textilien während des Färbens zu Waschen. Die im Abwasser aus NPE gebildeten Folgestoffe wirken dann wie Östrogene und können die Entwicklung von Geschlechtsorganen bei Fischen und anderen Wassertieren stören.

Phthalate | Das sind Weichmacher, die unter anderem zur Herstellung von Schuhen für Kunstleder, Gummi sowie in Farbstoffen genutzt werden. Vier Unterkategorien dieser Weichmacher gelten in der EU als „besonders bedenkliche Substanzen“, unter anderem da sie nachweislich die Entwicklung der Geschlechtsorgane bei Säugetieren hemmen.

PFC | PFC steht für poly- und perfluorierte Chemikalien – und da gibt es noch eine ganze Menge an Untergruppen, die ich jetzt nicht alle auflisten will. Mit der Eigenschaft als Wasser-, Fett- und Schmutzabweisend ist diese Verbindung fast überall in der textilen Outdoor-Industrie zu finden. Davor warnt übrigens selbst das Umweltbundesamt. PFC haben bei Tieren in Langzeitstudien Leberkrebs verursacht, schränken nachweislich die Fruchtbarkeit auch bei Menschen ein und werden in der Schwangerschaft wie in der späteren Stillzeit an das Kind weitergegeben. Das Allerschlimmste: PFC sind bereits weltweit im menschlichen Blut nachweisbar.

Weil es sich bei der Kohlenstoff- Fluor-Bindung um die stabilste Bindung in der organischen Chemie handelt, sind PFC sehr persistent. Sind sie also erst mal in der Umwelt, werden sie kaum abgebaut und bleiben dort über lange Zeiträume. Es ist daher nicht verwunderlich, dass diese Chemikalien mittlerweile weltweit nachgewiesen werden: vom Schnee in den Alpen bis in die Tiefsee. Auch das Blut von arktischen Eisbären und der Dung von Pinguinen aus Feuerland ist mit PFC belastet. (Quelle)

Azo-Farbstoffe | Diese Azo-Farbstoffe sind synthetische Farbstoffe und werden in großer Menge zur Färbung von Textilien eingesetzt. Einige dieser Azo-Farbstoffe können durch Hautbakterien in krebserzeugende primäre aromatische Amine gespalten werden, was einwandfrei bewiesen ist – und weshalb sie eigentlich in Deutschland und der EU verboten sind, nicht allerdings in vielen Billiglohnländern, in denen Firmen produzieren lassen. Wichtig: an den Produktionsorten ist die Konzentration dieser Stoffe in der Umwelt gigantisch größer, als hier bei uns.

Triclosan | Dieser Wirkstoff soll das Bakterienwachstum hemmen und wird deshalb auch grad bei Funktionskleidung gerne eingesetzt: angepriesen als antimikrobiell soll es so unter anderem den Schweißgeruch unterbinden. Um das zu tun, muss es natürlich in die natürliche Hautflora eingreifen – was nicht gerade besonders gesund ist und zu Hautreizungen oder Allergien führen kann.

Zinnorganika | Diese werden als Antipilzmittel eingesetzt. Bei Socken, Schuhen und Sportbekleidung wirken sie antibakteriell und sollen Schweißgeruch verhindern. Wenn sie in den Organismus gelangen, schädigen sie das Immunsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit.

Übrigens: nach Bekanntwerden dieser Studien wurde durch Renate Künast eine Anfrage bei der Bundesregierung zu all diesen Inhaltsstoffen in der Kleidung gestellt, welche in ihrer Antwort die Kenntnis über die Problematik bestätigt hat.


Ist Chemie in Laufkleidung enthalten?

90% aller relevanten Studien und Aussagen, die sich im Netz finden lassen, beziehen sich aktuell noch auf „Outdoor-Kleidung“ und nicht explizit auf Chemie in Laufkleidung oder Laufschuhen. Was wir aber wissen: überall wird klar gesagt, dass Baumwolle im Sport völlig ungeeignet ist, da sie sich schnell mit Feuchtigkeit vollsaugt und damit schwer und nass wird. Aus gleichem Grund wird entsprechende Funktionskleidung als nachvollziehbar besser angepriesen – sie leitet die Flüssigkeit und den Schmutz ab, ist sogar wasserabweisend, wirkt antimikrobiell. Um genau diese Funktionen dann aber zu erfüllen, kommen eben die entsprechenden Schadstoffe zum Einsatz; zum Beispiel unter der Verwendung bei Gore-Tex Membranen, welche unter anderem bei Trail-Schuhen verwendet wird. Perfluorierte Tenside werden übrigens dafür verwendet, atmungsaktive Jacken herzustellen – auch dies ist ein durchaus übliches Produkt im Shop einiger bekannter Laufartikel-Hersteller.

Gehen wir nach der „Sustainable Apparel Coalition“ – ein Zusammenschluss von Marken, die versprochen haben, ihre Textilien entsprechend zu verbessern – dann sind dort zumindest Adidas, ASICS und BROOKS als Hersteller gelistet, welche auch den Einsatz von Chemie in Laufkleidung optimieren wollen. Die meisten größeren Hersteller bringen Stück für Stück bereits einzelne Produkte an den Markt, die PFC-frei sind und haben angekündigt, bis Ende 2017 keinerlei PFC mehr zu verwenden.

Das Problem: selbst Produkte, die als PFC-frei markiert waren, enthielten solches nachweislich – das Zeug ist nämlich inzwischen so sehr auf der Welt verteilt, dass es fast schwierig ist, es aus einem Herstellungsprozess herauszuhalten. Bis dato muss man also sagen, dass nur wenige Hersteller in die richtige Richtung gehen.


Was kann man nun tun?

Zu allererst: man sollte eben jene Markenhersteller meiden, die entweder gar nicht, oder nur sehr zögerlich neue Wege beschreiten wollen (hier die neuste Übersicht, Januar 2016). Um das ganz klar zu sagen: sowohl die Umwelt, als auch unsere Gesundheit werden aus nur einem einzigen Grund geschädigt: mehr Geld zu verdienen. Leider scheint es kaum möglich, im Netz gute Alternativen zu finden – oder ich recherchiere nicht gut genug. Sofern Ihr da irgendwelche Empfehlungen habt: gern her damit, ich bin für jedes Material dankbar.

Im Grunde bleibt zu sagen: das Zeug ist sowieso schon überall in der Welt verteilt – wir können also nur noch versuchen, den Schaden zu minimieren und nicht endlos weiter rücksichtslos damit zu leben, nur weil wir es nicht sehen. Also: im Geschäft nach explizit PFC-freien Materialien fragen, das wäre ein erster Schritt.

Parallel zu diesem Blogpost geht noch eine entsprechende Anfrage an Greenpeace raus, in der Hoffnung, dass man dort eventuell schon im Laufsport Augen und Ohren offen gehalten hat. Ich werde berichten.

*Nachtrag 03.02.2016: im Blog von Outdoor-Renner werden unter anderem auch drei nutzbare Alternativen zu PFC vorgestellt, die damit zeigen, dass es auch anders geht. Leider habe ich bisher immer noch keine Sportbekleidung gefunden, die PFC-frei ist…


Studien und sonstige Infos

Leaving Traces, Greenpeace 2016

Chemie für jedes Wetter, Greenpeace Deutschland

Bayerischer Rundfunk: Wenn Kleidung zu Reizwäsche wird

Welt.de: Giftcocktails in unserer Kleidung

WDR: Wie giftig ist unsere Kleidung?

Spiegel Online: Chemie in Outdoor-Kleidung

Welt.de: So belastet Outdoor-Kleidung die Umwelt

NTV: Outdoor-Jacken voller Chemie

A red card for sports brands (Greenpeace)

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

3 Kommentare bei “Chemie in Laufkleidung – wie ist der Stand?

  1. Bei normaler Outdoor-Klamotte kann man ja (vor allem dank Greenpeace) auf einige Daten zurückgreifen und sein Kaufverhalten anpassen. Wenn man sich an die Grundregel hält, dass man keine Sachen mit Gore-Tex kauft, dann kann man Schlimmstes vermeiden. Mit VauDe, Fjäll Räven und ein paar anderen sieht man ja, dass es auch anders geht. Dann bei der Unterwäsche vielleicht auf Merino setzen (von zertifizierten Herstellern) statt Kunststoff mit Silberionen und man trägt ein wenig was bei. Bei normaler Klamotte wird es einem mittlerweile ja relativ leicht gemacht, ökologisch sinnvoll einzukaufen. Shops mit GOTS-Produkten boomen ja regelrecht.

    Bei Laufklamotte hat man aber wirklich ein Problem. Was in den Schuhen steckt, die ja selten länger als 6 Monate halten, kriegt man nicht raus. Bei jedem Lauf gibt es ein Synthetik-Shirt gratis dazu, das man zwar meist gar nicht möchte, aber trozdem versucht aufzutragen, weil man es ben ja schon bekommen hat. Über Tights, Langarmshirts etc. kriegt man gar nichts raus und ist auf die Angaben des Herstellers angewiesen, die ja erfahrungsgemäß eher unzutreffend sind. Bei den Jacken ist man wieder beim Gore-Problem. Vielleicht sollte man Greenpeace mal animieren, sich dieser Produktgruppe anzunehmen.

    1. Recht so. Leider scheint es aber auch so, dass die Marken, die angeblich umdenken (wie VauDe, Fjäll Räven) nur einzelne Produkte „grün“ rausgeben, nicht aber alle. Un erstaunlich war auch: in einer der Studien von Greenpeace schreiben sie, dass die PFC inzwischen in solchen Mengen in der Umwelt verteilt sind, dass sie inzwischen auch bei offiziell PFC-freien Produkten nachweisbar sind, weil sie im Herstellungsprozess doch ihren Weg fanden…

      Ich bin überzeugt davon, dass das auch bei Sport-/Lauf-Artikeln massiv eingesetzt wird; die Chemikalien benötigt man ja gerade für die Eigenschaften, die hier auch verkauft werden.

      Ich hab Greenpeace übrigens tatsächlich letzte Woche um Infos gebeten – bisher kam aber keine Antwort… 😉

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