Laufen / Marathon

Barfuß-Marathon in Paris

Es wäre ja tatsächlich auch merkwürdig gewesen, hätte ich mal einen Marathon unter normalen – vielleicht sogar optimalen – Bedingungen hinter mich gebracht. Das sollte mal wieder nicht so sein; das Wochenende in Paris war dafür allerdings um so schöner, wenn nicht sogar perfekt…

Nach der Anreise am Freitagabend in der Begleitung der Liebsten stand natürlich erstmal direkt ein ordentliches Carbo-Loading an – nicht unweit vom wirklich entzückenden AirBnB-Apartment an der Rue de Sèvres haben wir uns also entschlossen, den frühlingshaften Abend in einem netten Straßen-Restaurant ausklingen zu lassen: zu schönstem T-Shirt-Wetter, ein paar alkoholfreien Bierchen und leckerem Essen gab Paris sich demonstrativ „pittoresque“ und äußerst freundlich – schöner ging es eigentlich kaum.

Vor-dem-Marathon-Tag. Auf zur Expo! Fußläufig erreichbar (etwa 40 Minuten mit diversen Zwischenstopps an kleineren Plätzen („oh wie romantisch!!“) ging es also zur Marathon-Messe: Startunterlagen abholen (etwa 5 Minuten) und Messe-Stände begucken (etwa 3 Stunden), um sich – als hätte man die Flyer nicht schon in rauen Mengen gesehen – all die tollen Marathon-Läufe der Welt vorzustellen („DEN muss ich eines Tages auch machen!!“), nebenbei die kleinen Leckereien zu probieren („gehst Du noch mal da vorn vom Käse holen? Ich war schon 2 Mal!“) oder aber die neuste Laufmode und die innovativsten Entwicklungen auszuprobieren („Hier, guck mal, das ist doch was für Dich!“ – „Nee, das brauche ich nicht.“ – „DOCH!“).

Gut gesättigt (Dank der Schweizer Käseplatten) entscheiden wir uns, auch den Rückweg zu Fuß anzutreten: entlang der Seine zieht es und Richtung Champs de Mars und Eiffelturm, und exakt dort reißt auch auch der – heute unschön graue – Himmel wieder auf: Sonne und blaue Flecken hübschen damit die kleine französische und die große, mutmaßlich tibetanische Hochzeit auf, die wir dort bezeugen dürfen. Glückwunsch an dieser Stelle.

In etwa zeitgleich denken wir nach einem weiteren Zwischenstopp in einem Pariser Restaurant das Gleiche: ein kleiner Nachmittagsschlaf könnte jetzt gut tun, die Füße müssen schließlich geschont werden und die Nacht war nicht allzu bequem auf dem Schlafsofa – also wird im Anschluss an den Eiffelturm-Besuch noch mal ganz fix gepower-nappt. Überraschung: statt einer geplanten Stunde entscheiden sich Körper und Geist dafür, die Ruhezeit zu verdoppeln.

Wenn man schon mal da ist, dann kann man sich ja wenigstens noch eine weitere Sehenswürdigkeit anschauen, bevor der Abend wieder den Kohlenhydraten gewidmet wird – also fix noch mal zum Louvre, den Sonnenuntergang bestaunen und die großartige Architektur bewundern!

Und jetzt ratet was der Abend danach hergab – richtig! ESSEN!! Aus purer Faulheit – und weil wir eh schon so viel unterwegs waren, kehrt man also wieder in das gleiche Restaurant ein, wie am Vorabend, schlägt sich genüsslich die Bäuche voll, genießt das „Savoir Vivre“ der samstäglichen Pariser Abend-Gesellschaft und nutzt die Gunst der Stunde, um sämtliche Taktiken, Strategien und Pläne für den kommenden Tag zu schmieden: es geht bald los.

Marathon-Tag. Wie immer ist auch in dieser Nacht der Schlaf überschaubar entspannt: chaotische Träume, hin- und herwälzen, wachwerden, wieder einschlafen, wieder wachwerden. Im Ganzen dürften netto wohl zwischen 5 und 6 Stunden Schlaf dabei rausgekommen sein; nicht die besten Vorraussetzungen, wenn man sowieso schon um 6:30 Uhr aufstehen muss (Startschuss für meinen Block war um 9:30 Uhr). Kannste nicht ändern – 2 ordentliche Tassen Kaffee müssen das jetzt reißen; das Equipment wird zurechtgelegt, ausprobiert, noch mal durchdacht, wieder ausprobiert, festgelegt. ES GEHT LOS.

Mein Lauf. Gut, man muss zugeben: ich war mutig. 2 Tage vor dem Marathon kam das Paket mit den BROOKS Ghost 7 bei mir an – und für gewöhnlich macht man es nicht, dass man nagelneue Schuhe für einen Marathon auswählt. Aber ich hatte die Wahl: mit den PureFlows zu laufen und zu riskieren, dass ich ab KM30 Knie- oder Waden-Probleme bekomme, oder lieber die besser gedämpften Ghosts zu nehmen, die ich noch nie gelaufen bin. Ich habe mich dafür entschieden, es zu wagen – und sowohl Knie als auch Muskeln fanden das äußerst prima. DIESE Entscheidung war richtig.

Dummerweise war es dann eine Verkettung ungünstiger Ereignisse, die mir den Lauf verderben sollten: die unerwartet hohen Temperaturen beim Lauf führten – verständlicherweise – dazu, dass regelmäßig aus großen Schläuchen Wasser-Duschen auf uns runterprasselten: vom Gefühl her eine verdammt angenehme und hilfreiche Sache, hätten sich nicht meine Socken vollgesogen – und so nahm das Drama unweigerlich seinen Lauf…

Ab KM20 etwa (hier liege ich mit meinem Zeit-Ziel von unter 4 Stunden noch sehr gut), merke ich, dass die nassen Socken sich unter den Füßen gar nicht mehr bequem anfühlen und sich langsam aber sicher bedingungslos in BEIDE Fuß-Sohlen drücken – ich bin sicher: es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Blasen sich bilden und vielleicht sogar relativ direkt schmerzhaft öffnen werden.

Genau so kommt es dann auch: schon etwa nach einer Viertelstunde ist jeder weitere Schritt purer Schmerz – ich versuche zwar, auf den Außenkanten zu laufen und den Druck von den Fußballen zu nehmen, aber rein subjektiv laufe ich bereits auf den offenen Blasen; ab jetzt nutze ich jede Trink-Station um mit kurzen Geh-Pausen auf den Hacken die Füße zu schützen – aber das hilft eigentlich auch nur bedingt. Ein Foto meiner überschaubar ansehnlichen Fuß-Sohlen erspare ich Euch jetzt lieber mal.

Ab KM37 ist es nicht mehr auszuhalten: Ich muss die Socken loswerden, die mir in die Füße schneiden. Also probiere ich mal was Neues: ich ziehe mir Schuhe und Socken aus und laufe die letzten 5 Kilometer des Marathons eben einfach barfuß – schließlich ist das noch ein bisschen heldenhaft (und macht bei den Zuschauern am Straßenrand übrigens auch ordentlich Eindruck).

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Zwar fühlt sich der Boden auch nicht gerade besonders toll an, aber verglichen mit dem Gefühl „davor“ laufe ich fast schon wie auf Watte – und so komme ich dann schließlich nach unfassbar zähen und langen 04:27:32 Stunden tatsächlich auch endlich ins Ziel: verletzt, stolz, aber GLÜCKLICH.

Heimwärts!

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

20 Kommentare bei “Barfuß-Marathon in Paris

  1. Gratuliere – ich habe wirklich gelitten, als du da deine Fußschmerzen beschrieben hast. Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Und dich dann barfuß laufen zu sehen war ungemein erleichternd 😀 Tolle, coole und lustige Aktion, hoffe deinen Füßen geht’s jetzt besser! Stolz kannst du sowieso sein :)

  2. Ach, bisher geht es heute eigentlich – dadurch, dass ich dann so arg im Tempo runter bin, hab ich nur etwas Muskelkater, aber keine größeren Probleme beim Gehen, wie man sie sonst kennt… Aber die Blasen sind alle noch zu, auch wenn ich mich kaum zurückhalten kann, sie aufzupieksen 😀

  3. Glückwunsch auch von mir :) Was die Blasen angeht: aufmachen und dann ein gutes resistentes Blasenpflaster drauf. Gibt nichts besseres, außer es sind doofe Stellen die so etwas nicht zulassen.
    Gute Regeneration wünsche ich dir!

  4. So tapfer! Gratuliere! So wird der -sicher so schon- einzigartige Paris Marathon noch ein Stück mehr zu etwas ganz besonderem. Gute Besserung für die Füße!

  5. WOW! Glückwunsch zum beeindruckenden Finish!
    Barfuss zu Laufen, am besten n ganzen Marathon, wäre auch mal n Traum von mir. Aber bisher ist mein Respekt davor zu groß…

  6. Krasse Story.
    Ich frage mich jetzt, ob dir Triathlon Schuhe à la Noosa Tri oder andere Schuhe mit wasserableitender Sohle geholfen hätten. Zumindest wäre da nicht die Suppe im Schuh gestanden. Mein Gel DS Racer ist unten sogar stellenweise offen, mit dem würde ich aber sicher keinen Marathon laufen.
    Was waren denn das für Socken?

    1. Ich glaub es lag wirklich an den Socken – ich hab das schon oft erlebt, dass ich bei starkem Regen die Schuhe voll hatte, das war bisher nie ein Problem. Im Gegenteil: ich fand es immer ganz nett, wenn die Füße abgekühlt wurden. Hier lag es definitiv an den Socken, die hatten ab den Zehen ein eher grob-maschiges, luftdurchlässiges Material. Die Blasen waren dann auch direkt zwischen den Zehen und dem Ballen, nicht auf dem Ballen selbst. Waren von Kalenji…

  7. Glückwunsch, trotz aller Strapazen die du hattest, warst nur 1:30min langsamer als ich bei meinem Marathondebut:)
    Ich hab immer alle bewundert die barfuss gelaufen sind… aber nur die harten kommen in garten…

    1. Das Doofe ist halt, dass es kein Debut war – und ich ne halbe Stunde langsamer war, als bei meinem schnellsten Marathon-Finish 😉

      Und wie gesagt – es war ja nur das letzte Stück barfuß, ich bin ja keinen ganzen Marathon so gelaufen!

      1. andere hätten das aber gar nicht erst beendet! Höchsten Respekt fürs beissen! Berliner halt! wird Zeit das wir uns mal persönlich kennenlernen :)

  8. Ganz schön mutig mit den neuen Schuhen. Aber wieso auch nicht: wäre ja fast gut gegangen. 😉 Für den Zieleinlauf hättest Du die Schuhe aber verstecken sollen – da wären Dir erstaunte Gesichter sicher gewesen. :)) Aber insgesamt: tolle Leistung!

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