Rennrad

Anarchie auf dem Tempelhofer Feld – oder: die Bestätigung der Chaos-Theorie

Feiertag. Vatertag. Berlin. Sicherlich hätte ich ob dieser 3 Fakten also vorher wissen können, dass heute auf dem Tempelhofer Feld – in der Hauptstadt politischer Unwahrheiten und ständiger Vergesslichkeit – mehr oder weniger der Bär steppen würde. Oder der Papst, wer auch immer.

Tempelhofer Feld II

Schließlich begab es sich dann aber so, dass die heutige Rundenfahrt über knappe 62 Kilometer zu einer wirklich spannenden Feldbeschau des freizeitlichen Berliner Querschnittes wurde – und genau diese Erlebnisse MUSS ich zur Bewältigung meiner Emotionen an dieser Stelle festhalten, sonst verdränge ich sie, träume sie immer wieder und werde sie nicht mehr los. Daran dürft Ihr jetzt teilhaben; auf mehreren Schultern verteilt sich solche Last einfach besser.

Um das Ganze strukturiert abzuarbeiten, werde ich die Erlebnisse ganz einfach numerisch auflisten und rekapitulieren, allerdings muss ich anmerken, dass sie selbstverständlich höchst subjektiver Wahrnehmung entsprechen – ich versuche aber, nicht zu übertreiben.

Einleitung #1 – Das Verhältnis von Weg zu Masse

Wie den meisten Menschen bewusst sein dürfte, handelt es sich beim Tempelhofer Feld um ein ehemaliges Flughafengelände. Das bedeutet de facto, dass die asphaltierte Strecke für alle anwesenden Sportler und Nicht-Sportler in teils erheblicher Breite nutzbar ist – deutlich breiter, als zum Beispiel eine übliche Straße. Natürlich gibt es auch schmale Abschnitte (besonders an der Bahn-Strecke entlang), aber das tut hier nichts zur Sache. Fakt ist: das Verhältnis von Weg zu Masse ist den Menschen egal.

Einleitung #2 – Die StVO

Natürlich wissen wir, dass die Straßenverkehrsordnung auf dem Tempelhofer Feld keine Anwendung findet. Allerdings möchte ich doch darauf hinweisen, dass es – um den allgemeinen Verkehrsfluss im (wie das Wort schon sagt) FLUSS zu halten – jederzeit von Vorteil ist, das Prinzip von Fahrbahn und Gegenfahrbahn aufrecht zu halten. Genauso wenig, wie ich auf der Autobahn durch den entgegenkommenden Verkehr steuere, ich mit dem Fahrrad die linke Straßenseite nutze oder ich zu Fuß auf den Mittelstreifen spazieren gehe, genauso wenig vergesse ICH diese Regel für gewöhnlich dort auf dem Feld, egal ob ich Laufe, Rennrad fahre oder meine Inliner ausfahre. Fakt ist: dieses Prinzip ist den Menschen ebenfalls egal.

Begegnungen der dritten Art

  1. Da wäre zunächst Renate (Name von der Redaktion erfunden), die mit ihrem Damenrad in Schrittgeschwindigkeit über die Strecke taumelt. Ich benutze bewusst dieses Wort, da sie Schlangenlinien fährt, während sie gleichzeitig den Fans des Drachensteigens dabei zuschaut, ihrem windigen Hobby zu frönen: mit verklärtem Blick schaut sie also nicht, was vor oder neben ihr passiert, sondern starrt dauerhaft in den grauen Himmel. Gleichzeitig fahre ich ihr mit knappen 30 km/h entgegen und eruiere mögliche Ausweichmöglichkeiten, erkenne aber dass ihre Schlangenlinien keinem Muster entsprechen: es wird also pures Glück sein, sie zu verfehlen. Im letzten Moment weiche ich nach rechts aus und krache beinahe in eine Gruppe von 25 jungen urlaubsreisenden Spaniern, welche mitten auf dem Asphalt einen Kreis gebildet hat, um dort zu beten. Zu welchem Gott auch immer: offensichtlich hat es uns alle gerettet.
  2. 300 Meter weiter sammelt sich gerade die größere Gruppe eines Senioren-Tripps, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Segway-Tour vor sich hat. Momentan üben sie noch, in dem sie um aufgestellte Hütchen fahren – ich merke mir das Ganze aber, weil man sie irgendwann später auf die Strecke lassen wird. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt (denke ich).
  3. Weitere 200 Meter weiter (es geht in die windgeschütze Kurve entlang der Bahn) wird gerade gewalkt. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber wusstet Ihr, dass Walker-Gruppen dazu tendieren, in einer Linie NEBENEINANDER zu walken, statt sich in 2er-Gruppen hintereinander zu positionieren? Genau deshalb macht man übrigens so gerne Witze über sie. Mangels einer Klingel oder Hupe rufe ich laut „TUUUT“, was nicht nur total bescheuert klingt, sondern auch nicht funktioniert. Erst ein noch Lauteres “ SORRY?!“ bringt den Club der menschlichen Maschinen dazu, ihre festgemeißelte Rotten-Formation zu lockern und mich vorbei zu lassen.
  4. Ich kann in etwa einen halben Kilometer zurücklegen, als die Spezies der Inline-Skater auftaucht. Allerdings nicht die, die mit Tempo über den Asphalt schießt, sondern jene, die das zum ersten oder zweiten Mal macht. Die, die aus diesem Grund lieber Händchen halten während sie abwechselnd auf den Boppes plumpsen, mit den Armen rudern und kreischen. Da dieses Schauspiel selbstverständlich MITTIG auf dem Weg stattfindet, stelle ich zum ersten Mal fest, dass meine Rennradreifen auch auf Rasen gute Dienste leisten.
  5. (Klein-)Kinder auf Fahrrädern, Rollen oder Kettcars bilden übrigens die unberechenbarste Gefahr auf dem Tempelhofer Feld. Kleine Erklärung: wenn man beim Fahren auf Rädern irgendetwas genau anvisiert, dann steuert man automatisch darauf zu. Kleine Kinder auf ihren Fahrzeugen neigen dazu, ALLES anzustarren, was ihnen entgegen kommt – auch mich. Es gab mal ein Spiel auf dem C64, da musste man immer kleinen Kometen ausweichen, weil man sonst explodiert – die Kleinwüchsigen auf dem Flughafengelände waren schlimmer.
  6. Kurt und Günter (Namen von der Redaktion erfunden) begehen den heutigen Vatertag, in dem sie auf einem Tandem im Zickzack fahren. Eventuell haben sie gar keine andere Wahl – schließlich leiden sie genau wie ich unter erschwerten Bedingungen, allerdings haben sie sich direkt entschieden, dauerhaft auf der falschen Seite zu fahren: Regeln müssen schließlich gebrochen werden. Da sie allerdings sehr nach Alt-68er aussahen, kann es auch sein, dass sie einfach komplett bekifft waren.
  7. Da sich am Streckenrand inzwischen auch eine fahrbare Kaffee-Bude aufgebaut hat, sammelt sich hier nun ein Pulk Menschen mit jeglichem Beiwerk: Kinder, Fahrräder, Roller, Inliner. Da Ausweichen nicht möglich ist, schließe ich einfach die Augen und fahre durch – komme tatsächlich unbehelligt auf der anderen Seite an, vermutlich immer noch durch das schützende Gebet der Spanier. Es gibt nicht mal Beschwerden der Umstehenden – die können nur von Auswärts sein.
  8. Die beiden Amerikanerinnen Amy und Laurie (Namen erfunden) nutzen ihr Feiertagstraining offensichtlich zur Selbstdarstellung: bedingt vorhandene Sportkleidung bei gleichzeitigem Lautstärke-Pegel ihres Gesprächs („AND I WAS LIKE „WHAAAAT?“ AND HE WAS LIKE „YEEEES!“ THEN I WAS LIKE „NOOOO!!“) führten dazu, dass Kurt und Günter mit ihrem Tandem fast in die Hecke rasen, was die ersten 20jährigen Vatertags-Kollaborateure mit einem lauten Gröhlen bedienen.
  9. Apropos Vatertags-Kollaborateure: erst dachte ich ja an einen Schulausflug, musste dann aber feststellen, dass hier circa 345 Jugendliche unterwegs waren, ihre Bierkisten über das Feld zu schleppen, dazu aus Boxen Musik zu hören und mitzusingen. Mir fällt ein, dass an meinem Haustürschlüssel unsere Hundepfeife hängt und nutze nun diese nun als effektives Warnsignal – funktioniert tatsächlich prima. Ich will gerade noch rufen: „AUS EUCH WIRD NIE WAS!!“, als mir einfällt, dass wir 1995 exakt genauso unterwegs waren, ich halte also die Klappe.
  10. Segway- Alarm!!! Man hat sie tatsächlich losgelassen: entweder hat man den Segway-Chef bestochen oder die Rentner haben die Dinger geklaut und sind nun auf der Flucht. Sollte letzteres der Fall sein, dann wäre da kein Problem, denn die Fähigkeiten auf den Dingern halten sich deutlich in Grenzen. Ich fahre also schon wieder in Schrittgeschwindigkeit durch die grauen Massen von begeisterten Roboter-Piloten, muss mich dabei schwer zusammenreißen, nicht einen von ihnen von hinten zu schubsen. Sie schauen irgendwie alle ein bisschen beschwippst – ich könnte es schwören.

Damit wäre die ERSTE Runde geschafft.

Um das festzuhalten: eine Runde dort oben hat grob zwischen 6 und 7 Kilometer Länge. Die oben genannten Begegnungen habe ich also jeweils etwa 10 Mal machen dürfen – in unterschiedlichsten Varianten, Ausprägungen und Intensitäten. Ich fühle mich jetzt etwa wie unser Hund: nicht nur physisch, als auch psychisch komplett ausgelastet.

Jetzt rolle ich mich ein und mache ein Nickerchen.

 

End-Dreißiger, mäßig talentierter Läufer (nicht schnell, dafür aber wirklich leidenschaftlich) und jederzeit gern auch auf zwei Rädern unterwegs. Vegetarier mit veganen Tendenzen, liebt den Schwarzwald, läuft durch Berlin.

3 Kommentare bei “Anarchie auf dem Tempelhofer Feld – oder: die Bestätigung der Chaos-Theorie

  1. Ja, das sind wirklich alle denkbaren Gefahrenquellen schön benannt. Für mich rangieren ja Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, in meiner Feindesliste mittlerweile meilenweit vor AutofahrerInnen. Die in den Autos sind ansatzweise berechenbar, aber unter den laufenden Exemplaren machen auf mich als Radfahrer echt viele den Eindruck als wären sie permanent angetrunken o.ä. und könnten ihre Umgebung nicht mehr sooo gut wahrnehmen.

    Und das „Tuut“ als Warnsignal werde ich mal ausprobieren – auf mein „Achtung“ bekomme ich gerne mal die (ziemlich dreiste) Frage hinterhergeworfen, warum ich keine Klingel am Rad habe. Das sind dann immer bevorzugt die Leute, die im Formationslauf zu dritt nebeneinander auf dem Radweg laufen.

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